Menü öffnen

Ärztinnen aus Leidenschaft

Ein Beruf. Zwei Blickwinkel.

Home » Leben » Ärztinnen aus Leidenschaft - 11.2016

Frauengesundheit aus zwei völlig unterschiedlichen Blickwinkeln: 
In Österreich profitieren Frauen von moderner Diagnostik und individueller Betreuung, in Nigeria sind Ärzte mit hohen Geburtenraten 
und limitierter medizinischer Versorgung konfrontiert.

Dleben-gesundheit-4-ab_2016-09r. Antonia Rau verließ sich in einer nigerianischen Geburtsklinik auf ihre Erfahrung und ihre Sinne. Dr. Claudia Niedersüß setzt in Wien 
auf modernste Diagnosemethoden und komplementäre Therapien. Zwei österreichische Gynäkologinnen, zwei völlig unterschiedliche Einsatzgebiete, ein gemeinsames Ziel: Frauen die bestmögliche medizinische Behandlung zukommen zu lassen.

Besonders in Zeiten, in denen sich das Durchschnittsalter der Erstgebärenden immer weiter nach hinten verschiebt und späte Mutterschaft mehr Trend als Ausnahme geworden ist, spielt die kostenlose Gesundheitsvorsorge in der Schwangerschaft eine bedeutende Rolle: „Wir sehen immer mehr Frauen mit Übergewicht und Bluthochdruck, die ein höheres Risiko für Schwangerschaftsdiabetes und die damit zusammenhängenden Komplikationen tragen.“ Schwangerschaftsdiabetes ist eine besondere Form der Zuckerkrankheit, die nach der Entbindung wieder verschwindet. „Sehr oft wird diese Zuckerkrankheit gar nicht bemerkt, weil die Schwangeren kaum Beschwerden dadurch haben“, sagt Frauenärztin Claudia Niedersüß. „Wird die Erkrankung allerdings nicht entdeckt und nicht behandelt, kann es vor allem zu gesundheitlichen Problemen für das Kind kommen.“ Umso wichtiger ist der sogenannte Zuckerbelastungstest, der im Mutter-Kind-Pass festgelegt ist und zwischen der 24. und 27. Schwangerschaftswoche durchgeführt wird.

Wird nachgewiesen, dass Schwangerschaftsdiabetes vorliegt, folgt ein ausführliches Gespräch über die Bedeutung der Erkrankung und die weiteren Maßnahmen. Zu denen gehört auch eine Empfehlung, wie die Ernährung ab sofort umgestellt werden kann, um den hohen Blutzuckerspiegel zu senken. Bei der Betreuung von Schwangeren legt sie großen Wert auf die frühzeitige Versorgung mit dem Vitamin Folsäure: „Sie sollte im Optimalfall schon bei der Planung der Schwangerschaft beginnen, da sie das 
Risiko für Fehlbildungen des Kindes 
extrem reduziert.“ Eine wichtige Neuerung des Mutter-Kind-Passes ist für Niedersüß die Einführung einer kostenlosen Hebammenberatung: „Viele meiner Patientinnen wünschen sich während der Schwangerschaft die Unterstützung durch eine Hebamme, um die nötige Sicherheit im Umgang mit der neuen Lebenssituation und eventuell möglichen Problemen zu erhalten.“ In 
diesem Gespräch können Themen wie Geburtsvorbereitung und Stillen ausführlicher behandelt und Erfahrungen ausgetauscht werden: „Frauen trauen sich hier eher, ihre Fragen zu stellen, die Hemmschwelle ist oft geringer als im Gespräch mit dem Facharzt“, sagt die Gynäkologin. Generell erklärt sie:„Seit der Einführung des Mutter-Kind-Passes in Österreich vor 42 Jahren ist die Mütter- und Säuglingssterblichkeit extrem gesunken.“

Claudia Niedersüß, Frauenärztin

„Wird die Zuckerkrankheit rechtzeitig festgestellt und entsprechend behandelt, können mögliche Folgeschäden für das Kind sehr gut verhindert werden und die Schwangerschaft kann ganz normal verlaufen“

BUCH TIPP Komplementärmedizin als sinnvolle Ergänzung

Claudia Niedersüß (44) ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe im Wiener Gesundheitszentrum Mariahilf. In ihrer Privatordination wendet sie auch Methoden aus der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), anthroposophisch erweiterte Medizin und Naturheilkunde an.

BUCH TIPP Ärztin mit Mut

Antonia Rau (37) ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, seit 2011 Oberärztin im Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf. „Ich bin durch Zufall in Friedenszeiten in ein reiches und sicheres Land geboren, hatte immer Zugang zum Gesundheitssystem und zur Bildung und wollte mit einem Einsatz bei ‚Ärzte ohne Grenzen‘ einen kleinen Teil dazu beitragen, dass es anderen Menschen besser geht.“

Hilfe in Nigeria

Säuglingssterblichkeit hat in den Ohren der Gynäkologin Antonia Rau einen ganz anderen Klang. Sechs Wochen lang war die Ärztin ohne Grenzen in einer Geburtenstation in Jahun im nigerianischen Bundesstaat Jigawa tätig. „Bei einem solchen Einsatz wird man demütig und dankbar dafür, dass man das Glück hatte, in Österreich geboren worden zu sein“, sagt sie.
Geburtshelferin für schwere Fälle war sie in einer Gegend, wo die Menschen zum Teil in Lehmhütten leben, in Dörfern mit nur einem Brunnen. In der Geburtenklinik, die „Ärzte ohne Grenzen“ seit 2008 betreibt, werden ausschließlich Problemschwangerschaften behandelt. Alle anderen Frauen in der Umgebung bringen ihre Kinder zu Hause zur Welt. Die Region ist wie viele andere auf dem Kontinent von einer hohen Mütter- und Säuglingssterblichkeit betroffen. Durchschnittlich 700 Geburten gibt es hier im Monat, erzählt die Frauenärztin: „Das ist etwa dieselbe Zahl, die wir im Landesklinikum Mistelbach pro Jahr haben.“

leben-gesundheit-6-ab_2016-09Die Familien sind kinderreich, Mädchen werden noch vor der ersten Menstruation verheiratet. Gemeinsam mit einer erfahrenen Gynäkologin aus Indien hatte Antonia Rau alle Hände voll zu tun: Kaiserschnitte, kindliche Fehlbildungen, Unterernährung, Blutarmut durch Tropenkrankheiten wie Malaria und Schwangerschaftskomplikationen, die in Österreich aufgrund der fortgeschrittenen medizinischen Versorgung großteils nicht mehr oder 
sehr selten auftreten: „Ich habe eine Frau elendiglich an Wundstarrkrampf sterben sehen. Und wir haben teilweise Eingriffe durchgeführt, die man seit Langem in keinem medizinischen Lehrbuch mehr findet.“

Die 45 Betten der Geburtenstation reichen bei Weitem nicht. „In jedem Bett liegen zwei bis drei Frauen.“ Für die Diagnostik der wichtigsten Krankheiten wie Malaria, HIV und Syphilis stehen vier Testgeräte zur Verfügung, auf Hygiene wird großer Wert gelegt, für alle Eingriffe und Operationen gibt es standardisierte Leitlinien für die Ärzte vor Ort. „Anders würde unsere Arbeit unter diesen Bedingungen auch nicht funktionieren.“ Ohne Röntgen und Computertomografie lernt man schnell, alle Sinne und die Hände zur Diagnose einzusetzen. Jedes einzelne gesunde Neugeborene entschädigt sie für alle Strapazen.

Antonia Rau, Gynäkologin

„Ich weiß: Gesamt gesehen war mein Einsatz dort nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Solange sich an den Möglichkeiten zur Bildung und Verhütung für Frauen nichts ändert, wird sich auch im Gesundheitswesen nicht viel bewegen. Das muss man einfach so akzeptieren.“

Weiterlesen: Ärzte ohne Grenzen in Nigeria

Hilfe vor Ort

Der Norden Nigerias ist politisch instabil, es gibt kaum medizinische Hilfe für Vertriebene und eine hohe Müttersterblichkeit. Lesen Sie hier, was die Hilfe von „Ärzte ohne Grenzen“ in der Region umfasst.

Zahlen und Fakten zu Nigeria

Zahlen zu Ärzte ohne Grenzen in Nigeria

Was die Ärzte ohne Grenzen in Nigeria tun

Medizinische Versorgung, Geburtshilfe, Ernährungsprogramme in zwei Vertriebenenlagern und in zwei Gemeindegesundheitszentren, Unterstützung der Notaufnahme und Not-OPs im Spital Umaru Sheu in Maiduguri, medizinische Sprechstunden, Überweisungen, Schwangerenberatung und Bereitstellung von Trinkwasser im Lager Kukerita sowie Renovierung des Gesundheitszentrums, Behandlung von Malaria, Atemwegserkrankungen, Mangelernährung und Durchfall bei Kindern unter fünf Jahren sowie Impfungen und stationäre Pädiatrie, Versorgung von Kindern mit Bleivergiftungen in Zamfara und Niger, verursacht durch unsichere Minen- und Goldabbaupraktiken, Bereitstellung von Nahrungsmitteln und psychosoziale Hilfe für Kinder in Sokoto, die unter der Noma-Krankheit leiden, einer bakteriellen Infektion im Gesicht, die zu Fehlbildungen führt, Versorgung mangelernährter Kinder in einem Ernährungszentrum in Sokoto, neues Projekt für Betroffene von sexueller und genderbasierter Gewalt in Port Harcourt im Süden des Landes inklusive Aufklärungskampagne in Schulen, Gesundheitszentren und den Medien, Geburtsnothilfeprogramm im Regierungskrankenhaus in Jahun, Bundesstaat Jigawa.

Weiterlesen: Frauengesundheit in Österreich

Gesundheitsvorsorge

Die umfassende medizinische Versorgung im Bereich Frauenheilkunde und Geburtshilfe ist in Österreich fest verankert. Angebote der Gesundheitsvorsorge wie Mutter-Kind-Pass oder Mammografie sind ein wichtiger Bestandteil. Die Vorsorgeuntersuchungen im Bereich der Krebsvorsorge beziehen sich vor allem auf die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom) und Brustkrebs durch das Screeningverfahren der Mammografie. Das kostenlose Brustkrebs-Früherkennungsprogramm „früh erkennen“ startete im Jänner 2014.
Weiters wichtig: die Berücksichtigung des Geschlechts bei der allgemeinen Gesundheitsvorsorge und bei vielen Therapien. Das betrifft unter anderem Bereiche, bei denen das Sterblichkeitsrisiko bei Frauen höher ist als bei Männern, wie bei kardiovaskulären Erkrankungen (Herzinfarkt) und Krebs. Und Bereiche, bei denen die Erkrankungsrate bei Frauen höher ist, etwa bei rheumatischer Arthritis und Anämie. Insbesondere psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angst- und Essstörungen zeigen sich bei Frauen anders.

Weiterlesen: Unterstützung für Frauen

Info-Tipp

BUCH TIPP Der Mutter-Kind-Pass

Der Mutter-Kind-Pass dient seit seiner Einführung 1974 der kostenlosen gesundheitlichen Vorsorge von Schwangeren und Kleinkindern. Er umfasst ärztliche Untersuchungen während der Schwangerschaft und bis zum fünften Lebensjahr des Kindes. Auch nicht krankenversicherte Frauen können das Angebot nutzen, sie brauchen dazu einen Anspruchsbeleg. Seit März 2014 kann zwischen der 18. und 22. Schwangerschaftswoche eine einstündige Hebammenberatung 
in Anspruch genommen werden. Weitere Infos zum Mutter-Kind-Pass gibt’s hier.

App-Tipp

BUCH TIPP Help4Baby

Die kostenlose App für Smartphones (iOS und Android) begleitet werdende Eltern vom ersten Tag der Schwangerschaft an. Sie erinnert aktiv an Termine für Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen oder an geburtsbedingte Behördengänge. Weitere Infos zur App Help4Baby gibt’s hier.

Nach Oben
Zur optimalen Darstellung der Website verwenden wir Cookies. In Ihren Browsereinstellungen können Sie die Verwendung von Cookies deaktivieren.OK