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Mut kann man lernen

Auf der anderen Seite der Angst.

Home » Leben » Mut kann man lernen - 03.2018

Mut bedeutet nicht, furchtlos zu sein – sondern zu lernen, klug und liebevoll mit den eigenen Ängsten umzugehen.

Angst ist die andere Hälfte von Mut.“ Das hat ein Mann gesagt, dem wohl die meisten Kühnheit unterstellen würden: Reinhold Messner. Menschen, die in steilen Wänden und auf hohen Bergen ihr Leben riskieren, findet jeder besonders mutig. Aber auch die wildesten Helden sind nicht furchtlos. Der Extremkletterer Alexander Huber, der völlig ohne Sicherung durch schwierigste Wände gestiegen ist, hat sogar ein Buch über seine Angst geschrieben („Die Angst, dein bester Freund“). „Die Angst ist ein steter Begleiter, der das Überleben sichert, der sensibel dafür macht, den Gefahren adäquat zu begegnen“, sagt er.

Alle haben also Angst. Sie ist eine zutiefst menschliche und sehr wichtige Emotion, denn sie alarmiert nicht nur, dass das Grundbedürfnis nach Sicherheit gefährdet ist, sie zeigt auch Grenzen auf. Und sie ermutigt zugleich, diese zu überschreiten. Denn Entwicklung findet immer da statt, wo es ein klein wenig ungemütlich und unsicher wird: an den Rändern unserer Komfortzone.

Zu viel Angst kostet Freiheit

Es lohnt sich, die eigenen Ängste nicht wegzudrücken oder sofort erbittert Widerstand zu leisten. Stattdessen sollten sie als Signale aus dem Inneren wertgeschätzt werden, die eine wichtige Botschaft vermitteln. Problematisch wird es allerdings, wenn man sich von der Angst immer wieder auf die vermeintlich sichere heimische Couch zurückjagen lässt. Denn dann verpasst man unter Umständen sein Leben – oder zumindest das köstliche Gefühl der Freiheit.

Mutig zu sein bedeutet, zu handeln, obwohl man Angst hat. Es macht dennoch Sinn, die eigenen Befürchtungen davor genau zu prüfen. Man sollte sich darüber klar werden, welche Ängste vielleicht begründet sind und wie man den Worst Case verhindern kann (siehe „Drei Schritte gegen die Angst“). Auch ein Abenteurer wie Alexander Huber plant seine Free-Solo-Touren im Vorfeld genau und versucht Risiken, beispielsweise durch intensives Training, zu minimieren. Alles andere wäre schlicht halsbrecherisch.

Manche Ängste erweisen sich bei genauerer Untersuchung als unrealistisch oder übertrieben. Häufig stecken alte Glaubenssätze dahinter, die man vielleicht nur von seinen Eltern übernommen hat. Wer unsicher ist, ob eine Angst begründet ist, kann dies mit einer guten Freundin, einem Coach oder einem Therapeuten besprechen und dabei ein paar Fragen klären: Was müsste alles schiefgehen, damit man innerhalb der nächsten zwei Jahre unter der Brücke landet? Welche Überzeugung steht hinter der Angst und wo haben wir diese gelernt? Gibt es Menschen, denen ein ähnlicher Schritt bereits gelungen ist? Manchmal findet man die Antwort auch in sich selbst, am besten während eines ausgedehnten Spaziergangs oder in der Meditation.

Wenn Ängste entgleisen

Manchmal geraten Ängste auch völlig außer Kontrolle. Die Zahl der Menschen mit Panikattacken und Angststörungen nimmt rasant zu. Keine psychische Störung wird derzeit häufiger diagnostiziert. Spätestens dann ist es wichtig, sich kompetente Unterstützung durch einen Therapeuten oder Arzt zu suchen.

Die schlechteste – aber leider oft gewählte – Strategie ist die Vermeidung. Sie schränkt den Radius der Betroffenen meist immer weiter ein, bis selbst das Erledigen von Alltagsdingen oder das Verlassen der Wohnung zum Problem wird. Wer sich hingegen mit seiner Angst in kleinen Schritten und mit der nötigen Unterstützung konfrontiert, kann nach und nach wieder Spielraum zurückgewinnen.

Lese-Tipp: Nicht nur Mut, auch Charisma kann man lernen.

Der Körper im Stress

Chronische Angst macht körperlich krank. Sie löst die sogenannte „Stressreaktion“ aus: Dadurch schlägt das Herz schneller, die Pupillen weiten sich, Energiespeicher werden geleert und die Muskulatur wird besser durchblutet. Genau wie bei unseren Steinzeit-Urururureltern bereitet sich der Körper darauf vor, ums Überleben zu kämpfen oder zu flüchten. Es handelt sich also um eine sinnvolle, gut gemeinte Strategie.

Wenn man allerdings nicht alle paar Wochen von einem Mammut gejagt wird, sondern sich nur täglich vor einem cholerischen Chef oder der Zukunft fürchtet, kann der Körper keine Balance mehr herstellen. Häufig treten dann Verdauungs- oder Schlafstörungen, manchmal auch ernstere Erkrankungen auf.

Ein erster wichtiger Schritt ist es, überhaupt zu bemerken, dass man Angst hat. Achtsamkeits-, Yoga- oder Feldenkrais-Kurse sowie verschiedene Formen der Körpertherapie können dabei unterstützen, wichtige Signale aus dem Inneren besser und früher wahrzunehmen. Entspannungstechniken oder meditative Übungen können dann gezielt zum Einsatz kommen und das Nervensystem beruhigen (siehe „Beruhigende Atmung“). Aber auch ein Gefühl der Verbundenheit mit anderen oder liebevolle Berührungen sind wirksame Medizin gegen die Angst.
Das Wichtigste ist, zu verstehen, dass es kein Leben ohne Angst gibt. Deswegen kann man trotzdem mutig auf alle Ziele und Wünsche zugehen.

Drei Schritte gegen die Angst

In seinem aktuellen TED-Talk empfiehlt der erfolgreiche US-Autor Tim Ferriss („Die 4-Stunden-Woche“), sich mit den eigenen Ängsten in drei Schritten auseinanderzusetzen.

 

Beruhigende Atmung

Durch die bewusste Verlängerung der Ausatmung können Sie einen beruhigenden Impuls setzen. Wiederholen Sie eine der beiden nachstehenden Übungen mindestens zwei bis fünf Minuten lang.

Anleitung Übung 1: Atmen Sie ein und summen Sie bei jeder Ausatmung leise wie eine Biene (Hummel-Atmung oder Bhramari Pranayama). Sie können im Sitzen oder Stehen die Arme einatmend vor dem Körper anheben und ausatmend langsam über die Seite absenken. Diese Übung aus dem Yoga wirkt auch aufheiternd.

Anleitung Übung 2: Zählen Sie die Länge Ihrer Atemzüge. Versuchen Sie nach und nach, das Verhältnis auf 3 zu 5 (Länge der Einatmung/Länge der Ausatmung) zu erhöhen.

Buchtipp

BUCH TIPP Lissa Rankin: Mut zur Angst.

Wie wir uns durch das, was wir fürchten, heilen können. Erschienen im Koesel Verlag 2015.

Zusammenfassung: Mit der Angst im Einklang leben

  • Angst ist nicht immer etwas Negatives. Sie ist eine wichtige Emotion, denn sie zeigt Grenzen auf, ermutigt aber auch, diese zu überschreiten.
  • Ängste sollten als Signale aus dem Inneren wertgeschätzt werden. Allerdings sollten uns unsere Ängste nicht einengen. Wer mutig ist, handelt, obwohl er Angst hat. Zuvor sollte man allerdings seine Bedürfnisse genau prüfen und herausfinden, welche Ängste begründet sind und welche nicht.
  • Wenn Ängste einengen, ist Vermeidung die schlechteste Strategie. Stattdessen sollte man sich mit ihnen auseinandersetzen und in kleinen Schritten bekämpfen. Entspannungstechniken oder meditative Übungen sind eine bewährte Technik, um dagegen zu arbeiten und das Nervensystem zu beruhigen.
  • Das Wichtigste aber ist, die Angst als etwas Natürliches anzunehmen und trotzdem seine Wünsche und Ziele zu verwirklichen.
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