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Anleitung zum Müßiggang

In der Ruhe liegt schöpferische Kraft.

Home » Leben » Anleitung zum Müßiggang - 05.2017

Mit voller Absicht einfach nichts tun – daraus lässt sich sehr viel machen. Denn Müßiggang ist ein schöpferischer Zustand, in dem unser Gehirn erwacht und Dinge vollbringt, für die es sonst keine Zeit hat.

Meine kleine Möbelwerkstatt ist ein Ort, an dem mir die Zeit nicht davonläuft, weil ich ihr gar nicht nachlaufe. An dem es keine Gedanken an Effizienz und Wirtschaftlichkeit gibt, keine Deadline, kein Müssen. Da gibt es nur einen Sessel, der ein bisschen herunter­gekommen ist. Und den nehme ich mir vor. Stundenlang schleife, streiche und poliere ich. Und wenn mir das Ergebnis nicht gefällt, kommt einfach die nächste Schicht Farbe an die Reihe.

Im Hintergrund läuft Musik, das Holz knistert im Ofen und bis der Kaffee auf dem Herd fertig gebrodelt hat, dauert es mindestens noch 20 Minuten. Eile? Gibt es hier nicht. Stattdessen bin ich voll und ganz in eine Tätigkeit versunken. Diesen Zustand nennt man Muße – also Zeit, über die man selbst bestimmt und die keinem äußeren Zweck dient. Und die tut gut.

„Geprägt haben den Begriff die alten Griechen. Das Interessante: Mußezeiten waren damals die eigentlich wichtigen im Leben. Die Arbeit war untergeordnet, um diese Zeiten zu ermöglichen“, sagt Ulrich Schnabel, Autor des Buches „Muße. Vom Glück des Nichtstuns“. „Heute ist es umgekehrt: Heute sind Muße die kleinen Erholungszeiten, die wir uns gestatten, um wieder möglichst viel leisten zu können.“

Muße, so scheint es, ist aus der Mode gekommen. Prof. Dr. Norbert Rohleder, Wissenschaftler an der Hochschule Mainz, hält das für einen fatalen Fehler. „Muße ist weder etwas Antiquiertes, das im 21. Jahrhundert nichts zu suchen hat, noch Trägheit und Herumhängen. Muße ist auch nicht nur Lebenskünstlern vorbehalten, die sich für ein Leben jenseits des Mainstreams entschieden haben. Muße ist weder spirituell noch esoterisch. Mit Muße ist auch nicht das Konsumieren von Freizeitangeboten gemeint; keine Sportprogramme, die nur den einen Zweck haben, die Arbeitnehmer und Manager fit zu halten für die Zumutungen des Arbeitsmarktes. Muße ist, um es mit der österreichischen Wissenschaftsforscherin Helga Nowotny zu sagen, ‚die Intensität des Augenblicks, der sich zeitlich zu Stunden oder Tagen ausdehnen kann, um sich auf ein Einziges zu konzentrieren: Eigenzeit‘.“

Muße ist erlaubt

Kaum gönnen wir uns ein wenig Müßiggang, klopft auch schon das schlechte Gewissen an. Dürfen wir das denn? Einfach nur vor uns hin träumen? „Wir haben unser Leben so sehr auf Effizienz getrimmt, dass Zeiten der ineffizienten Muße fast wie ein Verbrechen erscheinen. Selbst wenn man sich die Arbeit so einrichten kann, dass freie Zeit entsteht, fühlen wir uns häufig ge­nötigt, diese Zeit möglichst effektiv und nutzvoll zu verbringen. Doch die Muße lässt sich – ähnlich wie die Liebe – nicht in dieses Raster pressen. Im Gegenteil, sie erfordert den Mut, dem allgemeinen Beschleunigungsdenken und Effizienzwahn zu widerstehen. Und das muss man üben“, sagt Schnabel.

Fast wirkt es, als hätten wir vergessen, dass Genussfähigkeit zu einem gesunden Lebensstil gehört. Dabei müssten wir nur auf andere Menschen schauen, zum Beispiel auf die viel zitierte Generation Y, die den Begriff „Yolo“ zu ihrem Lebenskonzept macht: You only live once, du lebst nur einmal. Diese Generation achtet auf ihre Wünsche: mehr Teilzeitarbeit, mehr Homeoffice, mehr Flexibilität. „Es gilt, sich zu sensibilisieren, Bedürfnisse zu erkennen und sich das Genießen zu erlauben. Genießen bedeutet, ganz bewusst auszuwählen, was in diesem Moment guttut. Es bedeutet, sich Zeit für das Genießen zu nehmen und alle Sinne zu aktivieren“, sagt Rohleder.

Das Prinzip der Regeneration

Für ein schlechtes Gewissen gibt es dabei wirklich keinen Grund. Schließlich ist hinlänglich erforscht, dass gerade Phasen des absichtslosen Nichtstuns die Regeneration des Gedächtnisses fördern und es stärken. Und sie sind eine wichtige Voraussetzung für Kreativität und Einfalls­reichtum. Verstand und Seele brauchen schöpferische Pausen. Neue Ideen brauchen Zeit und Muße.

Sportler kennen das Prinzip der Regeneration: Phasen der Anspannung folgen Phasen der Entspannung. Nur so findet der Körper die notwendige Zeit, sich an die steigenden Anforderungen anzupassen, Energiespeicher aufzufüllen und Muskel­masse aufzubauen.

Bei der Kopfarbeit ist das ähnlich. Während des Nichtstuns ist unser Gehirn ganz schön beschäftigt. Im Leerlauf lassen wir uns Erlerntes oder Erlebtes noch einmal durch den Kopf gehen. Das Gehirn verarbeitet dabei alles, was sich angesammelt hat, sortiert Fakten und Gefühle und greift auch auf unbewusst gespeicherte und längst wieder vergessene Informationen zurück. Manche Hirnregionen sind beim Tagträumen, Schlafen oder Meditieren sogar stärker aktiv als beim zielgerichteten Denken, sagen die Hirnforscher. Muße trägt also zum inneren Aufräumen bei. Da werden Dinge abgelegt, einsortiert, dürfen sich setzen und werden verstanden.

Und dann, zack, ein Geistesblitz! Archimedes lag angeblich im Bade, als er das Prinzip des Auftriebs durchschaute. Und Isaac Newton döste unterm Apfelbaum, als ihm das Gesetz der Schwerkraft einfiel. Da sage noch einmal jemand, Nichtstun bringe nichts.

Ausschalten und abschalten

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„Ich hatte auch in meiner Freizeit immer das Smartphone dabei, um mal schnell E-Mails zu checken. Das setzte sich auch am Abend fort. Ich habe im Prinzip in jeder freien Minute diese Mails gecheckt – die beruflichen E-Mails, wohl­gemerkt! Und ich habe mir gesagt: Das kann es doch nicht sein! Ich habe dann versucht, mir ganz bewusst handy-freie Zeiten zu nehmen“, erzählt Norbert Rohleder.

„Manchmal müssen wir auch ,Nein‘ zu all den Kommunikationsmöglichkeiten sagen, um uns auf eine Sache konzentrieren zu können. Gerade in der Informations­gesellschaft mit ihrem unendlichen Angebot ist es wichtig, sich gezielt Räume zum ungestörten Nachdenken zu schaffen. Gönnen Sie sich zum Beispiel morgens eine kommunikationsfreie Stunde zum Entwickeln kreativer Ideen; und schließen Sie Ihr E-Mail-Postfach, wenn Sie an einer kniffligen Sache arbeiten, damit Sie nicht ständig gestört werden“, rät Ulrich Schnabel.

Wichtig ist nicht so sehr, welcher Strategie man folgt, sondern das Bewusstsein, dass man die eigene Lebenszeit gegen die ständige Verfügbarkeit schützen muss. „Muße hängt eher von einer inneren Haltung ab als von einer konkreten Tätigkeit. Aber natürlich fällt sie leichter in Situationen, in denen wir keinem äußeren Druck aus­gesetzt sind. Eine große Quelle der Muße ist für mich zum Beispiel mein Klavier. Ich bin zwar am Piano nur ein Amateur, also im Wortsinn ein ,Liebhaber‘, und muss da nichts leisten. Aber genau das ist ja das Geheimnis der Muße: eine Sache aus Liebe zu tun und nicht, weil man damit äußeren Erfolg anstrebt“, so Schnabel.

Muße erfordert Neuausrichtung

Rohleder und Schnabel sind sich einig: Um Muße zu finden, müssen wir uns neu ausrichten. Der erste Schritt ist, sich über den Kompass des eigenen Lebens klar zu werden. Was ist mir wirklich wichtig, für welche Dinge will ich mir mehr Freiraum schaffen, welche Hindernisse stehen dem entgegen? Bestandsaufnahme machen, sich Zeit dafür nehmen, oder eine Grabrede schreiben – um herauszufinden, worauf man in seinem Leben gerne zurückblicken möchte.

„Mir wurde zum Beispiel eines Tages klar: Ebenso wichtig wie finanzieller Wohlstand ist für mich der ,Zeitwohlstand‘, die Möglichkeit, über meine Lebenszeit selbst bestimmen zu können. Dann habe ich jahrelang darauf hingearbeitet, diesen Zustand herzustellen.
Wenn Sie so wollen: Ich habe sehr fleißig an der Muße gearbeitet“, so Schnabel.

Muße kennt keine Vorschrift. Wen der Gedanke stresst, dass er heute für seine fünf Minuten Muße noch keine Zeit hatte, der sollte Rohleders 4-Stufen-Plan folgen:

Erster Schritt: Richten Sie Ihren inneren Kompass aus – was will ich wirklich?
Zweiter Schritt: Werden Sie konkret! Schreiben Sie beispielsweise Ihre Vorsätze auf.
Dritter Schritt: Schützen Sie Ihr Gehirn vor Überlastung und schalten Sie das Smartphone aus.
Und viertens: Es gibt nichts mehr zu tun – also tun Sie das auch!

Nichtstun üben

 

In 5 Schritten zum Nichtstun

Nichtstun – nichts leichter als das! Oder? Wem es manchmal schwer fällt, einfach loszulassen und ganz ohne schlechtes Gewissen rein gar nichts zu tun, der sollte sich diese vier Tipps zu Herzen nehmen.

  1. Legen Sie das Handy für einen Tag beiseite und lassen Sie sich auch nicht von anderen technischen Geräten ablenken.
  2. Konzentrieren Sie sich beim Frühstück nur auf das Essen, das Kauen und sich selbst.
  3. Gehen Sie spazieren und richten Sie ihre Aufmerksamkeit nur auf die Umgebung ohne anderen Gedanken nachzuhängen.
  4. Legen Sie sich auf den Rücken und die Hände auf den Bauch. Atmen Sie ein und aus und konzentrieren Sie sich einige Minuten nur auf deine Atmung.
  5. Stellen Sie sich ans Fenster und schauen Sie einige Minuten einfach nur dem Treiben draußen zu ohne an etwas anderes zu denken.
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