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Frühjahrs-Putz im Leben

Wie Sie mit weniger viel mehr aus Ihrem Leben machen.

Home » Inspiration » Frühjahrs-Putz im Leben - 02.2017

Reduktion statt Überproduktion. Ruhe statt Hektik. Natur statt Großstadt. Viele Menschen schließen sich diesen magischen Worten an. Besinnen sich auf die für sie wichtigen Dinge des Lebens. Willkommen im Minimalismus.

Nach Hause kommen. In eine Oase der Stille. Ohne überflüssigen Schnickschnack. Ohne das Gefühl, dass die Arbeit zu Hause weitergeht. Dort, wo die ganze Familie ablegt, was auch sofort in den Papierkorb könnte – nur das schöne Holz der Kommode. Da, wo sich in der Garderobe die Kleiderstangen biegen – nur die Outfits, die man tatsächlich trägt. Drüben, wo sich im Bücherregal Kafka an Urlaubslektüre kuscheln muss – alles übersichtlich und sortiert. Und in der Küche ist alles griffbereit für ein Abendessen – regional und nahrhaft. Statt eines hektischen Alltags heißt es durchatmen und das Leben erst kennenlernen. Das ist der Ansporn der Minimalisten.

Weniger ist mehr

Man kann es nicht mehr hören. Und doch stimmt es nicht nur oft, der Mensch hat es auch sehr gern so. Deswegen führt er sich dieses Prinzip immer wieder zu Bewusstsein. Entstanden ist die Idee als Gegenbewegung zur Konsumgesellschaft. Zu dem rasenden Weltgeschehen, geschaffen von Technisierung und Globalisierung. Jedes Jahr ein neues Smartphone. Jeden Monat eine neue Modelinie. Jede Woche neue Aufgaben auf der To-do-Liste. Jeden Tag ein neuer Schwall an Informationen aus Medien und sozialen Netzwerken. Die Geschwindigkeit, mit der wir unser Leben führen, nimmt stetig zu. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie sich um das Achtunddreißigfache erhöht. 38, damit es schneller zu lesen ist. Und Zeit ist auch nicht mehr so relativ, wir leben jetzt in Echtzeit. Mit dem schnelleren Wetter. Mit dem hurtigeren Verkehrsservice. Auf geht’s, wer nachlässt, verliert. Vor allem sich selber.

Die Beschleunigung hat sich nicht aufhalten lassen. Bis jetzt. Nun heißt es, sich bewusst einzubremsen. Zumindest bei jenen Dingen, die jeder kontrollieren kann. Wie das eigene Leben, hoppla, sagen wir lieber Teile des eigenen Lebens. Das Leben daheim, in den eigenen vier Wänden. Im Bekanntenkreis, im eigenen sozialen Umfeld. Durch Konsumverzicht entreißt man sich den Alltagszwängen. Statussymbole haben keinen Wert mehr. Das Leben wird entrümpelt und nur die Dinge, die Freude machen und die wir wirklich brauchen, dürfen mit uns zusammensein. Man darf sich das so vorstellen:

Das wahre Ich suchen

Das bedeutet, seinen Lebensraum zu leeren und der eigenen Person mehr Platz zu schaffen. Uneingenommen von allem, was lebensnotwendig scheint und es doch nicht ist. Der erste Schritt dazu ist, zu vermeiden, unbrauchbares Neues anzuhäufen. Shoppen als Hobby ist nicht die einzige Dopaminquelle, die das Belohnungszentrum im Hirn ausschüttet. Ein Spaziergang in der Natur bringt mehr Glückshormone als das zehnte Paar Schuhe.

Sokrates, griechischer Philosoph

„Wie viele Dinge es doch gibt, die ich nicht brauche.“

Naja, vielleicht sind Schuhe jetzt nicht das beste Beispiel. Es geht mehr ums Einkaufen aufgrund von Werbung oder Prestige. Etwas haben zu müssen, weil es verordnet wird und weil es die anderen auch haben. Diese Art Shopping führt nicht zu dauerhaftem Glück, wie einige Studien schon bewiesen haben. Damit befriedigen wir die Gesellschaft und nicht uns selbst. Es ist nicht in zehn Jahre alte Lumpen gekleidet, das wahre Ich. Es trägt, was es will. Nicht das, was alle anderen wollen. Was ihm gefällt. Nicht das, was ein paar andere vorschreiben. Es freut sich über Dinge, die es sich wünscht. Die es braucht. Nicht über die, die man haben muss. Und diese Dinge leistet es sich dann. Dieses bewusste Überlegen betrifft Anschaffungen aller Art. Unnötig Schönes und grundlos Ersehntes genauso wie Technik, Möbel oder ein neues Auto. Nur was kaputt ist, nicht mehr den Zweck erfüllt, oder einfach nicht mehr gefällt, wird ersetzt. Das führt zum Umdenken. Man hinterfragt sich und sein Begehren und ebnet den Weg zum eigenen Ich.

Schmetterlinge vor einer Wand

Der Weg. Wer die Finger nach dem Sinn des Leben ausstreckt, ist nur einen Flügelschlag vom Glück entfernt.

Das Leben entrümpeln

David Michael Bruno hat es vorgemacht. Der amerikanische Konsumkritiker hat Menschen mit seiner „100 Things Challenge“ angeregt, ihr Leben auszusortieren. Genauer gesagt: den persön­lichen Besitz auf 100 Dinge zu reduzieren. Mittlerweile haben es ihm viele Menschen nachgemacht. Was dahinter steckt, ist ein Hervorholen. Sich selbst unter dem, was man an Tand besitzt, auszugraben, und sich wieder neu kennenzulernen. Das ist keine esoterische Binsenweisheit, das ist mittlerweile schon ein Bedürfnis. Oft verstecken sich die Menschen hinter ihren Konsumgütern. Sie haben sie angeschafft, um sich selbst zu definieren, und darüber vergessen, wer sie wirklich sind. Dabei liegt es nicht an den materiellen Dingen allein. Es geht auch um Beziehungen, Freizeitaktivitäten, Arbeit und Zeiteinteilung. Sind die Partner die richtigen oder nur die, die als die richtigen gelten? Sind die Menschen um uns echte Freunde oder Freunde aller Welt? Ist ein Hobby das passende oder eines, das gerade angesagt ist? Erfüllt einen der Job oder ist es nur das erste Hamsterrad, das man auf dem Weg an die Spitze bewältigen muss?

Laotse, chinesischer Philosoph

»Die Natur eilt nicht, und dennoch wird alles erreicht.«

Reparieren statt wegwerfen

Wer den Konsum eingeschränkt und sein Leben entrümpelt hat, darf sich dem Minimalismus hingeben. Sich in der Askese suhlen. Sich in der Beschränkung Befriedigung holen. Dazu gehört zum Beispiel, kaputte Dinge zu reparieren. Seinen eigenen Gemüsegarten anzulegen. Kosmetika selber herzustellen. Selbstversorgung ist das Schlüsselwort. Sich unabhängig machen von Fremdleistungen ist das Gebot. Dadurch tut man auch der Umwelt etwas Gutes. Den ökologischen Fußabdruck reduzieren und dafür neue Wege in einen entlüfteten Lebensstil gehen. Viele schließen sich Tausch- und Teil-Gemeinschaften an. Statt etwas wegzuschmeißen, gibt man es jemand anderem und bekommt dafür Benötigtes zurück. Jacke gegen Schuhe. Tasche gegen Tisch. Unterkunft gegen Hilfe im Haushalt.

Gemeinschaft und Hilfe sind eine starke Säule der neuen Denkungsart. Menschen schließen sich zusammen. Sie bilden Fahrgemeinschaften und Interessengruppen. Zu den neuen Lebensräumen gehören Foren und Plattformen, in denen man sich vernetzt, zusammentut, austauscht, sucht und findet. Bevor man sich einen Lötkolben für das einmalige Kunstprojekt zulegt, fragt man in einem Forum nach, ob jemand einen zu verleihen hat. Statt viel Geld für etwas auszugeben, das man nicht permanent braucht, knüpft man durch diesen Lebensstil neue Kontakte. Die Welt rückt zusammen und konzentriert sich auf die wichtigen Werte des Lebens.

Der Trend der Zeit

Wer nicht viel Geld ausgibt, muss auch nicht so viel verdienen. Das Hamsterrad zu bremsen ist wichtiger als ein ständig läutendes Handy. Überstunden gehören der Vergangenheit an. Die Zeit nützt man, um sich selbst zu finden. Ob in der Natur, in einer minimalistisch eingerichteten Wohnung oder bei einem guten Gespräch. Mittlerweile findet der Minimalismus wachsenden Anhang und hat deshalb so viele verschiedene Gesichter.

Apropos: Gesichter sind das Aushängeschild des eigenen Ichs, bringen den Typ zur Geltung. Augenbrauen, Lippen, Augen betonen es, das Ich. Auch in der Architektur, der Musik oder der Kunst lässt sich der reduzierte Stil wiederfinden. Bei Bauten verzichtet man auf pompöse Schnörkel und Fassaden. Das Gebäude in seiner Reinstform gilt schon seit den 1920er-­Jahren als zeitgenössisch. Möbel sind praktisch gestaltet. Die gleiche Denkweise gilt auch für Kunst und Musik. Klarheit und Reduktion ist die Devise.

Das Problem bei einem Trend ist der Versuch, ihn zu verkaufen. Besonders beim Minimalismus wäre damit der Sinn dahin. Unternehmen verpacken ihn zu ihrem eigenen Vorteil. Regen zum Konsum von Dingen an, die man für das minimalistische Leben braucht. Die passende Einrichtung, die Outdoor-Ausrüstung für den Trip in die Natur, die Ernährung auf komplizierte Diäten umstellen. Und schon sind wir wieder dort, von wo wir aufgebrochen sind. Der eigentliche Sinn der Sache geht verloren. Auch wenn den am Ende jeder für sich selber finden muss. Den Sinn des Lebens. Leichter ist der zu finden, wenn man einmal alles ausschaltet. Die gewohnte Umgebung verlässt und abhaut. Alles loslässt, was einen bindet. Um am Ende ein freier Mensch zu werden.

In fünf kleinen Schritten zum Minimalismus

1. Ausmisten. Nur das, was wir wirklich brauchen und was uns glücklich macht, darf bleiben. Das betrifft nicht nur Konsumgüter, sondern kann auch Freizeitaktivitäten, die Arbeit oder Beziehungen.
2. Auswählen. Bewusst überlegen beim Anschaffen neuer Dinge. Will ich es, weil ich es brauche oder will ich es, weil andere es haben oder die Gesellschaft es mir vorzuschreiben scheint?
3. Selbstversorgen. Sich unabhängig machen von Fremdleistungen. Das kann in Form eines eigenen Gemüsegartens oder selbst gemachter Kosmetik erfolgen.
4. Vernetzen. Sich mit Gleichgesinnten zusammenschließen. Fahrgemeinschaften bilden, Dinge austauschen, reparieren statt wegwerfen.
5. Besinnen. Wer weniger braucht, muss weniger verdienen. Wer weniger arbeitet, hat mehr Zeit für sich, dafür sich selbst zu finden und das eigene Ich in den Mittelpunkt zu stellen.

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