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Frauenpower in Bangladeschs Textilindustrie

Sultana und ihr Gewerkschaftsbund.

Home » Leben » Frauenpower in Bangladeschs Textilindustrie - 10.2018

Bangladesch ist als Billigproduktionsland bekannt. Sultana Begum leitet als einzige Frau einen Gewerkschaftsbund in der Textilindustrie und kämpft für die Arbeitsrechte der Frauen.

Sultana Begum ist eine zierliche Person mit einem großen Lächeln. Ihre weißen Zähne leuchten mit dem Orange des Saree, der traditionellen Bekleidung der Bengali-Frauen, um die Wette. Mit 14 Jahren, erzählt sie, hat sie in einer Textilfabrik als Helferin angefangen. Ein Knochenjob. Für einen Monatslohn von weniger als 3 Euro hat Sultana in der Nachtschicht gearbeitet. Von 18 Uhr abends bis 4 Uhr morgens, ohne Pause, hat sie den Arbeiterinnen an den Nähmaschinen zugearbeitet. Das war 1988. Heute ist Sultana 44 Jahre alt und Präsidentin ihres eigenen Gewerkschaftsbundes, der Green Bangla Garment Federation. „Das Leben der Arbeiterinnen darf von der Fabriksarbeit nicht zerstört werden“, meint sie.

Der Mindestlohn in Bangladesch ist einer der niedrigsten innerhalb der Bekleidungsindustrie. Für die Tagesschicht in der Fabrik, 6 Tage die Woche, 12 Stunden pro Tag, erhält eine Arbeiterin 5.300 Taka im Monat. Das entspricht rund 53 Euro. Körperliche und verbale Belästigungen, von der Züchtigung mit Arbeitsmaterialien bis zu Beschimpfungen, waren und sind an der Tagesordnung. Sexuelle Belästigung durch männliche Kollegen oder Vorgesetzte war alltäglich. „Bezüglich sexueller Übergriffe und baulicher Sicherheitsvorschriften in den Fabriken gibt es heute aber viel mehr Bewusstsein“, sagt Sultana Begum. „Es hat eine Sensibilisierung stattgefunden.“

Die fürchterlichen Ereignisse – der Brand der Tazreen-Textilfabrik 2012 und der Einsturz der mehrstöckigen Rana-Plaza-Fabrik in der Hauptstadt Dhaka mit vielen Todesopfern 2013 – setzten die internationalen Konzerne unter Zugzwang.

Organisation ist alles

„In den Fabriken, in denen ich gearbeitet habe, habe ich nur Stille vernommen. Mir war klar: Wollen wir die Situation der Arbeiterinnen verbessern, dann brauchen wir organisierte Strukturen“, berichtet Sultana. Darin hat sie bereits einige Erfahrungen. Seit 21 Jahren ist sie gewerkschaftlich organisiert, im Dezember 2013 gründete sie ihren eigenen Gewerkschaftsbund.

Seit 1988 hat sich vieles verändert. Es gibt gesetzliche Regelungen für eine bezahlte Karenzzeit von vier Monaten, bezahlten Krankenstand sowie bezahlten Urlaub. Rein theoretisch. In der Praxis wird dies oft nicht umgesetzt und von staatlicher Seite wird wenig kontrolliert. Deswegen sind die Gewerkschaften so wichtig. „Eine der größten Herausforderungen ist es, eine Gewerkschaft zu gründen, ohne dass die Fabriksleitung es merkt und es boykottiert“, sagt Sultana. Dazu müssen 30 Prozent der Fabriksarbeiterinnen ihre Unterschrift abgeben und an zwei Informationsveranstaltungen teilgenommen haben.

Fast jeder hat ein Kleidungsstück „Made in Bangladesh“ zu Hause. Unter fashionrevolution.org gibt es Informationen, unter welchen Bedingungen ein solches Kleidungsstück entsteht, sowie Tipps, was man tun kann, um eine faire Produktion zu unterstützen.

In den Fabriken ist die Rekrutierung nicht möglich, dazu müssen Sultana und ihre Mitarbeiterinnen direkt an die Haustüren klopfen. Bekommt die Fabrik Wind davon, muss Sultana jederzeit mit Schikanen und Drohungen rechnen.

Probleme wälzen

Die Liste der Schwierigkeiten ist lang. Der Druck, immer mehr zu produzieren, ist groß. „Wenn eine Arbeiterin innerhalb von einer Minute bis zu drei Schals fertigstellen muss – wie soll das gehen?“, klagt Sultana. „Das sind ja keine Maschinen, sondern Menschen! Und die Einkäufer der westlichen Konzerne fragen nichts dazu.“ Am Ende des Tages müssen Lieferungen und Stückzahlen passen, das allein zählt.

Neuerdings, sagt Sultana, gibt es ein weiteres Problem. Wenn die westlichen Einkäufer die Fabrik besuchen, möchten sie die Arbeiterinnen treffen. Meistens werden hübsche Mädchen ausgesucht, die dann die westlichen Kleidungsstücke tragen müssen, die sie jeden Tag selbst herstellen. „Sie werden nicht gefragt, ob sie damit einverstanden sind. Den Saree dürfen sie dann nicht tragen“, erzählt Sultana und schüttelt den Kopf. Darüber sind viele Arbeiterinnen empört.

Sultana Begum, Gewerkschaftspräsidentin

»Wenn die Frauen sich ihrer Rechte bewusst sind, können sie ihre Probleme selbst lösen und ihre Stimmen mit mehr Nachdruck erheben.«

Ein weiteres Problem, berichtet sie, sind eine bezahlbare Monatshygiene sowie Gesundheitsvorsorge für die Frauen. Nicht alle Arbeiterinnen haben Zugang dazu oder das Geld dafür. Mangelnde Hygiene sowie langes Sitzen oder Stehen kann zu Gebärmutterschäden führen und Zysten und Myome begünstigen. Unfruchtbarkeit und Uterus-Entfernungen sind häufig. Die meisten Betroffenen werden dann von ihren Männern verlassen, weil sie dem gesellschaftlichen Rollenbild nicht mehr entsprechen.

Leistungsschau

Mittlerweile hat Sultana in ihrem Gewerkschaftsbund 15 Gewerkschaften in 15 Fabriken vereint. Weitere fünf Gewerkschaften kommen dieses Jahr dazu. Alleine im vergangenen Jahr konnte sie 5.000 Textilarbeiter als neue Mitglieder gewinnen, die meisten davon Frauen. „Ich wünsche mir mehr Unterstützung für Frauen! Wenn sich die Frauen ihrer Rechte bewusst sind, können sie ihre Probleme selbst lösen und ihre Stimmen mit mehr Nachdruck erheben“, sagt sie leidenschaftlich. Schließlich kann sie diese Entwicklungen täglich beobachten.

Sultana hat noch eine weitere Leistung vollbracht. Sieben der 15 Fabriken haben ein Abkommen mit der Green Bangla Garment Federation unterschrieben. Gibt es Probleme in der Fabrik, etwa finanzielle Engpässe, wird zuerst mit der Gewerkschaft gesprochen und gemeinsam nach Lösungen gesucht. Auf diese Weise kann einer Firmenschließung, einem Standortwechsel und dem Verlust von Arbeitsplätzen oft vorgebeugt werden.

So erfolgreich Sultana gekämpft hat, ihre Führungsposition und ihr Einsatz für Frauenrechte haben sie ihre Ehe gekostet. Ihr Mann ließ sich 2013 scheiden. Der Erfolg und das Engagement seiner Ehefrau waren ihm zu viel. Sultana fällt hier eindeutig aus der traditionell-konservativen Rolle. Die beiden Töchter zieht sie nun alleine groß.

Zukunftsperspektive

Stoppen lässt sie sich von solchen Rückschlägen trotzdem nicht. Sultanas nächste Hoffnung ist die Ratifizierung der ILO-Konvention, eines Manifests der International Labour Organisation, in dem sich die unterzeichnenden Staaten verpflichten, Gewalt und Belästigung am Arbeitsplatz entgegenzuwirken. „Bangladesch müsste dann seine nationalen Gesetze anpassen“, sagt sie optimistisch. Probleme wälzen und lösen, das kann Sultana. Und zwischendurch sollte es etwas zum Lachen geben. Denn das ist ihr zum Glück nie verloren gegangen.

CARE Österreich unterstützt Projekte in Bangladesch, die die Rechte der Arbeiterinnen stärken, Wissen vermitteln und Frauen in ihren Lebenssituationen unterstützen.

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