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Nichts wie raus!

Frischluft für Körper und Geist.

Home » Leben » Nichts wie raus! - 07.2018

Wald und Wiesen beruhigen, lassen uns Kraft schöpfen und verhelfen zu Achtsamkeit und innerer Ruhe. Eine Anregung zum bewussten Naturerlebnis.

Seht euch diese Weintraube an, als hättet ihr noch nie zuvor eine betrachtet. Was könnt ihr im Inneren der Traube entdecken, wenn ihr sie ins Sonnenlicht haltet? Wie fühlt sich ihre Schale an und wie schmeckt sie?“ Wenn Birgit Strasser, Psychologin und Achtsamkeitstrainerin, mit einer Gruppe durch die Weinberge rund um Wien spaziert, hat sie oft unkonventionelle Ideen. Mit Übungen wie dieser fordert sie ihre Mitwanderer auf, die Natur bewusst wahrzunehmen: „Es geht darum, die kleinen Dinge wieder zu erleben. Wir müssen neugierig alle Sinne öffnen. Das hilft, uns im Hier und Jetzt zu verankern und dem inneren Gleichgewicht näherzukommen.“

Den Vögeln zuzuhören, wie sie den Sommer besingen, das Knirschen der Schritte auf dem steinigen Weg zu belauschen oder barfuß durch feuchtes Moos zu spazieren und die Kühle zu spüren – all dies unterstützt dabei, vom alltäglichen „Modus des Tuns“ in den bewussten „Modus des Seins“ zu treten. Dort ist das wahre Wohlgefühl verortet.

Sei nicht so streng mit dir

In der Gegenwart zu bleiben, anstatt gedanklich zwischen bevorstehenden Meetings und Kindergartenfesten hin und her zu schwanken, ist nicht immer leicht. Strasser empfiehlt all jenen, die mit achtsamen Spaziergängen überhaupt erst beginnen, sich zu Beginn auf einen einzigen Sinn zu fokussieren und nach und nach alle anderen zu aktivieren. Der Sehsinn ist bei den meisten Menschen am besten ausgeprägt und trainiert, daher fällt es ihnen leicht, Dinge wahrzunehmen und zu betrachten. Danach können sie sich auf die frischen Gerüche der Natur konzentrieren und anschließend einzelne Gegenstände ertasten, um etwa zarte, weiche Blätter von schweren, kantigen Steinen zu unterscheiden.

Bei diesem tiefgründigen Lernprozess „dürfen wir aber nicht streng mit uns sein, wenn es ein wenig dauert, bis wir die Gedanken kanalisieren und zur Ruhe kommen können“, sagt Strasser. „Immerhin durchströmen uns bis zu fünfzig Gedankenblitze pro Minute. Dadurch sind wir im Alltag sehr leistungsfähig, aber auch darauf gepolt, ständig zu grübeln.“

Es braucht Geduld, um sich auf die besinnlichen Augenblicke in der Natur einlassen zu können und lästige Alltagsgedanken zu verscheuchen. Strasser selbst übt sich seit fast vier Jahren darin, achtsame Naturerlebnisse in ihren Alltag einzubauen, und bemerkt immer noch, wie sie zwischendurch abgelenkt wird. „Dass die Gedanken abschweifen, ist ganz normal. Wenn das passiert, fokussiere ich wieder auf meine Umgebung und hole mich bewusst in den Moment zurück.“

BUCH TIPP Birgit Strasser

ist Psychologin und Achtsamkeitstrainerin. Sie bietet Achtsamkeitsspaziergänge in den Weinbergen am Stadtrand von Wien an, um dem stressigen Alltag zu entkommen. Seit mehr als drei Jahren geht sie bei Wind und Wetter in die Natur, die ihr Kraft spendet und wohltuend wirkt. Die nächste Möglichkeit für ein „achtsames In-der-Natur-Sein“ bietet der Spaziergang am 7. September 2018 von 17 bis 20 Uhr in Wien-Stammersdorf. Mehr Infos auf: achtsam-innehalten.at

Leistung bleibt im Büro

In der Natur geht es eben nicht darum, perfekt zu sein. Im Gegenteil: Jegliche Leistungsgedanken sollen zu Hause bleiben, um sich vom stressigen Alltag zu erholen. Das gilt einerseits für den Anspruch an sich selbst, möglichst schnell zur Ruhe zu finden, andererseits auch dafür, ein ambitioniertes Wanderziel zu erreichen. Anstatt den Berggipfel zügig zu erklimmen, sollen lieber zwischendurch kurze Pausen eingelegt werden, um das kräftige Gelb der Sonnenblume am Wegesrand zu bestaunen oder den süßlichen Duft des Fichtenwaldes zu genießen. Ein gemütlicher Stopp an einem Aussichtspunkt, von dem aus der Blick seelenruhig über das Tal schweift und die Stille bewusst wahrgenommen wird, trägt meist mehr zur Entspannung bei als ein effizienter Aufstieg.

Die Schnelligkeit aus den Schritten zu nehmen verlangsamt auch den Gedankenwirbel, der das Innere durchströmt. Um die Beobachtung zu schulen, empfiehlt Strasser, „das Unbekannte im Bekannten zu entdecken. Wir müssen nicht immer etwas Neues finden. Ich freue mich etwa besonders, wenn ich eine Mohnblume in einer ganz normalen Blumenwiese sehe“. Außerdem schlägt sie vor, jeden Tag mindestens einmal in den Himmel zu schauen, aufmerksam zu beobachten, wie die Wolken an diesem Tag geformt sind, wo sich die Sonne ihren Weg bahnt und ob vielleicht ein Kondensstreifen das helle Blau durchkreuzt.

Dabei darf sich der Moment verlangsamen, gar zeitlos erscheinen. Der Drang, alles schnellst- und bestmöglich hinter sich zu bringen, soll schwinden und der Entspanntheit weichen.

Spüre deinen Körper. Sind die Sinne erst gestärkt, kann auch der Körper wieder intensiver wahrgenommen werden: Wie fühlt sich die Sonne an, wenn sie die Arme wärmt, wie der Wind, der durch die Haare bläst? Welche Kraft durchfährt die Muskeln beim Gehen und wie beeinflussen uns beschleunigte Atmung und Herzschlag beim Wandern? Sensibel die eigenen Körperfunktionen wahrzunehmen hilft dabei, sich selbst näherzukommen und die Ruhe zu verinnerlichen. Für die Natur- und Wanderführerin Verena Riedl ist das entscheidend: „Ich will dafür begeistern, in die Natur rauszugehen und zu erkennen, wie gut sie uns und unserem Körper tut.“

Der Wald hat erwiesenermaßen bereichernde Einflüsse auf den Menschen. Das Herz schlägt ruhiger, der Blutdruck sinkt und die Muskeln können sich entspannen, wie Umweltpsychologen an der Universität Wien herausgefunden haben. Sie stellten außerdem fest, dass positive Gefühle verstärkt und negative verdrängt werden, die psychische Gesundheit wird wie die physische maßgeblich verbessert.

Das Beste daran: Der beruhigende, stressreduzierende Effekt tritt sehr schnell ein. Nach nur fünf Minuten hebt sich bereits die Stimmung und auch das Selbstwertgefühl steigt. Deshalb empfiehlt Riedl, sich nicht mit ambitionierten Wanderungen unter Druck zu setzen, sondern so lange und oft zu wandern, wie es Freude bereitet: „Wer bloß eine halbe Stunde freischaufeln kann, nutzt diese bei einem Waldspaziergang nachhaltiger als vor dem Fernseher.“

Regelmäßig achtsam unterwegs zu sein wirkt sich langfristig positiv auf Körper und Geist aus. Die sogenannte Neuroplastizität besagt, dass es durch bewusste meditative Übungen zu Veränderungen der Synapsen im Gehirn kommt, die wiederum das Verhalten und die Gemütslage beeinflussen.

Zugang zur Natur finden

Aller Anfang ist jedoch oft schwer. Um sich von den ständigen, teils überfordernden Einflüssen des Alltags verabschieden und auf die Stille des Waldes einlassen zu können, macht Riedl die Natur in ihren vielen Facetten zugänglich. Sie stellt Pilze und bestimmte Blumenarten vor, macht auf Birken oder Föhren aufmerksam und fordert auf, Tiere und deren Spuren zu erkennen. „Es gibt so viel zu entdecken, da wird einem nicht langweilig und man kann seine Gedanken bewusst auf die schönen Dinge lenken.“

Die kleinen Aufgaben helfen, die Umgebung genau zu erforschen, die Natur besser kennenzulernen und die eigene Wahrnehmungsfähigkeit zu verbessern: „Bei den ersten Wanderungen übersieht man oft noch vieles: eine Lichtung oder ein Panorama zum Beispiel. In Kroatien habe ich nach einer Küstenwanderung die anderen gefragt, ob sie die wunderschöne kleine Insel im Meer gesehen hätten, und alle haben verneint. Später haben sie alles viel bewusster wahrgenommen“, erzählt Riedl.

Der natürliche Spiegel

Achtsame Naturspaziergänge in den Alltag zu integrieren hat mehrere positive Effekte: Die frische Luft und die gesunde Atmosphäre des Waldes stärken den Körper und tun der Seele gut, ein bewusstes, achtsames Verhalten sich selbst und der Umgebung gegenüber hilft, zu fokussieren und negative Gedanken zu verdrängen. Wer einige Zeit draußen verbringt, bemerkt auch bald, dass Wald und Wiesen vieles mit dem alltäglichen Leben gemeinsam haben. Manchmal geht es bergauf, manchmal bergab, der eine Pfad ist steinig, der andere weich. Man muss kleine Bächlein überqueren und darf sich hie und da mit süßen Beeren am Wegesrand belohnen.

Zwischen Hürden und Belohnungen bewegt sich auch das Leben: In der Natur wie im Alltag bewusste Schritte zu setzen bewahrt vor dem Stolpern und bringt immer wieder ein Stück weit nach vorne.

BUCH TIPP Verena Riedl

lebt in der Steiermark und ist Wander- und Reiseguide in Österreich und Europa. Sie beschäftigt sich mit bewusstem Wandern kombiniert mit nachhaltigem Naturbewusstsein. Am meisten beeindrucken sie glasklare Bergseen oder Blumenwiesen, wie wir sie aus Kindertagen kennen. Ihre nächsten Wanderreisen führen unter anderem an den Gardasee, ins slowenische Soca-Tal und zu den Plitvicer Seen nach Kroatien. Mehr Infos finden Sie auf Ihrer Website.

 

Zusammenfassung

  • Die Natur verhilft uns zu Achtsamkeit und innerer Ruhe. Wenn man die kleinen Dinge wieder bewusst erlebt, kommt man vom alltäglichen „Modus des Tuns“ in den „Modus des Seins“.
  • In der Gegenwart zu bleiben, anstatt gedanklich in die Zukunft abzuschweifen, ist nicht leicht. In achtsamen Spaziergängen kann dies geübt werden.
  • Achtsamkeit ist ein Lernprozess. Es braucht Geduld, bis die Ruhe einkehrt und man sich auf die Natur einlassen kann. Dabei darf man mit sich selber nicht zu streng sein.
  • Der Leistungsgedanke bleibt im Büro. Anstatt einen Berggipfel zügig zu erklimmen, sollte man sich zwischendurch kurze Pausen gönnen, um das kräftige Gelb der Blumen am Wegesrand zu bestaunen.
  • Die Schnelligkeit aus dem Schritt zu nehmen, verlangsamt auch den Gedankenwirbel.
  • Achtsamkeit erstreckt sich auch auf den eigenen Körper. Wenn die eigenen Sinne gestärkt sind, kann auch der Körper und seine Bedürfnisse wieder intensiver wahrgenommen werden.
  • Täglich eine halbe Stunde im Wald spazieren zu gehen ist besser als Fernsehen: Der Wald hat eine beruhigende und stressreduzierende Wirkung auf uns.
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