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Wir sind eine Familie

Was eine Familie stark macht und zusammen schweißt.

Home » Leben » Wir sind eine Familie - 04.2017

Familie ist nicht gleich Familie. Es gibt sie in jeder Form und Größe. Mit jeder Gesinnung und Einstellung. Und doch gilt für alle: Manche Dinge schweißen zusammen, bestimmte Situationen geben Halt und einige Umstände lassen alle ganz nahe zusammenrücken.

Familienbande sind wie Strickmuster: Sie wiederholen sich. Doch man hat es selbst in der Hand: Möchte man die Muster, die die eigene Familie seit Generationen bestimmen, beibehalten? Ist man sich ihrer überhaupt bewusst? Oder möchte man sein eigenes Muster entwerfen?

Es dauerte Jahre, bis Maria, Mama von zwei Töchtern, das Band zu ihrer Mutter lösen konnte. So schwer und voller Zweifel das für sie war, so viele neue Möglichkeiten brachte es mit sich. „Plötzlich konnten wir unsere eigene Familiengeschichte schreiben“, erzählt sie. Und sagt im gleichen Atemzug: „Das hat unsere kleine Familie sehr zusammengeschweißt.“

Die ersten Schritte wurden vorsichtig gesetzt. An dem Beziehungsmodell, das Maria von ihrer Mutter kannte, wollte sie sich nicht orientieren. Und ein anderes hatte sie noch nicht. Sie hörte auf ihr Bauchgefühl und hatte einen Satz ihrer Hebamme ständig im Kopf: „Wenn du das Gefühl hast, eine Situation oder ein Ritual belastet dich so sehr, dass du es nicht mehr erträgst, dann ändere es.“ Dieser Gedanke half ihr dabei, ihre Bedürfnisse besser wahrzunehmen. Gab ihr die Freiheit, Dinge zu verändern. Und ermöglichte es ihr, von dem Gefühl, sie müsse perfekt funktionieren, Abstand zu gewinnen.

„Erst wenn du dich spürst und dir Halt gibst, kannst du deinen Kindern vermitteln: Ich gebe dir Halt, was auch immer geschieht.“ Dahinter erkannte Maria ein erstes Familiengeheimnis: Der Prozess der Veränderung beginnt bei einem selbst.

Klar kommunizieren gibt Halt

Marias nächster Entwicklungsschritt war, klarer zu kommunizieren. Ihr zurück­erobertes Selbstbewusstsein machte das möglich. Denn sie musste sich nicht mehr zurücknehmen oder nach Perfektion streben. „Wenn jeder in der Familie weiß, woran er ist, gibt das Sicherheit. Und jeder hat gleichermaßen die Möglichkeit, zu reagieren. Da hat auf einmal vieles Platz“, erzählt die junge Mutter.

Fehler machen und darüber sprechen

„Nie werde ich den Moment vergessen, als ich zum ersten Mal ein Fehlverhalten meinerseits angesprochen und mich bei meiner Tochter dafür entschuldigt habe. Der Druck, der von uns beiden abfiel, war enorm, das war körperlich spürbar. Und für meine Tochter war es ebenso befreiend, ihre Verletzung, die sie durch mich erfahren hatte, laut aussprechen zu können. Das hat uns einander noch näher gebracht, unsere Verbindung weiter gestärkt“, so Maria.

Fehler einzugestehen ist etwas Bereicherndes. Es entspannt. Es bringt ganz viel Leichtigkeit mit sich. Und Freude. Da sind die Antennen von einem zum anderen ausgefahren, man zeigt sich in voller Größe, auch wenn man sich gerade ganz klein vorgekommen ist.

Den Ernst aus der Sache nehmen

„In unserem Familienalltag steckte viel zu viel Ernst. Man will ja schließlich ernst genommen werden. Aber was hat man davon, aus jeder Sache eine ernste Angelegenheit zu machen? Abendessen zum Beispiel – da hatte ich richtig hohe Ansprüche an mich: immer frisch gekocht und nur die besten Zutaten. Und dann noch mit einem Lächeln serviert. Nur wie soll das gehen, mit einer Vierjährigen an der Hand und einem Baby im Arm?“, fragt Maria. Und erinnert sich an Ziele, die sie sich gesteckt hatte und partout nicht aufgeben wollte. Maria kramte den Satz ihrer Hebamme hervor und begann die Situation zu verändern.

„Anfangs hatten wir dann abends ziemlich oft selbstgemachtes Popcorn oder Maroni aus dem Rohr mit Apfelmus. Wir haben uns diebisch gefreut, wenn der Kukuruz im Topf gegen den Deckel gehüpft ist und wir dann am Boden sitzend alle aus der großen Schüssel gegessen haben. Unsere Abende waren plötzlich entspannt und voller Lachen, und wir sind wieder ein Stück zusammengerückt“, erzählt Maria, für die das einfache Essen und der Spaß, den sie dabei hatten, wie ein Türöffner war. Ihre Töchter sind mittlerweile acht und zwölf Jahre alt. Selten, aber doch gibt es selbstgemachtes Popcorn. Und jeder knabbert daran mit einem Lächeln im Gesicht, denn die Erinnerungen an die gemeinsame Sache tauchen sofort wieder auf.

Ein Angriff von außen

Bei Maria kam der Angriff in Form von juckenden Bläschen: Feuchtblattern. Auch bekannt und gefürchtet unter dem Namen Windpocken. Und wer Kinder hat, kennt das: Erst erwischt es das eine, dann das andere. „Diese sechs Wochen in unserer ‚Quarantänestation‘ waren für uns alle eine Ausnahmesituation. In unserem Häuschen herrschte eine ganz eigene Atmosphäre. Wir erlebten eine stille, mitfühlende, aufmerksame und achtsame Zeit miteinander und sind damals ganz nahe zusammen­gerückt. Wie liebevoll sich Sophie um ihre kleine Schwester gekümmert hat und versucht hat, sie aufzumuntern, wenn diese schon ganz verzagt war – hier hat für uns alle ein Reifeprozess stattgefunden und in unserem Familiensystem etwas verändert. Wir waren uns in diesen Wochen bewusst, was für eine Qualität es ist, Menschen um sich zu haben, die füreinander da sind“, erinnert sich Maria an diese Zeit.

Einander Vertrauen schenken

Für Kinder ist es wundervoll, wenn sie wissen, dass ihre Ideen und Gefühle gewürdigt werden. Und dass sie eine wichtige Rolle dabei spielen, ihre Familie zu dem zu machen, was sie sein kann. Auch wenn dazu Auseinandersetzungen ge­hören oder es zu einem Streit kommt.

„Den Kindern Lösungen zutrauen, wenn sie streiten, und ihnen zeigen, dass man eine Meinungsverschiedenheit durchhalten kann“, das ist es, was Maria an dieser besonderen Situation schätzt. Und dann kommt die Belohnung: die Versöhnung, die die Kinder selber herbeigeführt haben. Sie wirkt wie ein Zauberband, das einen näher an den anderen heranbringt.

Mit jedem Streit, den man mit gerechten Mitteln ausfechtet und zu einer guten Lösung bringt, wächst man ein Stück. Erlebt eine neue, noch tiefere Beziehung zum anderen. Und kommt sich selbst dabei näher.

Maria, Mutter

„Jetzt noch kuscheln wir uns oft zu viert in eines der Kinderbetten und dann wird vorgelesen, erzählt oder gesungen“

Rituale

Gerade in einer Zeit, in der viele Umbrüche und Veränderungen anstehen und wir immer weniger Zeit zur Verfügung haben, ist es die Verlässlichkeit der kleinen und größeren Dinge, die uns Halt gibt. Rituale zum Beispiel.

„Familien tragen viel dazu bei, wie Menschen werden. Gibt es zum Beispiel keine gemeinsamen Zeiten, keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr, ist auch keine Gelegenheit mehr da, über den Tag, die Schwierigkeiten zu reden. Die Kultur der aktiven Auseinandersetzung mit den anderen geht verloren. Genau diese Zeiten und Rituale sind wichtig, weil Kinder so die nötige Geborgenheit bekommen und sich hier den Schutz holen, den sie brauchen, wenn sie in Schwierigkeiten sind“, sagt Primar Michael Merl, Leiter der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Kinderklinik Linz, in einem Interview.

Ein Familien-Leitbild

Auch ein Familienmotto gehört zu den Dingen, die eine Familie zusammenhalten, ihr eine Richtung geben, ein Ziel, das man gerne gemeinsam erreichen möchte. Es fasst in Worte, wie Zugehörigkeit, Gemeinsamkeit und Geborgenheit weitergegeben werden. „Familienkultur ist der Geist der Familie, das Gefühl, die Ausstrahlung, das Klima, die Tiefe, Qualität und Reife der Beziehungen der Familienmitglieder zu­einander und ihre Empfindungen für­einander. Das ist der Schritt vom Ich zum Wir“, schreibt Stephen R. Covey in seinem Buch „Die 7 Wege zur Effektivität für Familien – Prinzipien für starke Familien.“

Starke Familien entstehen nicht aus dem Nichts. Wir verdanken sie nicht dem Zufall, sondern können etwas dafür tun. Es ist ein Prozess, der ein Leben lang anhält. Und der sich lohnt.

Was für eine Familie wollen wir sein? Was wollen wir gemeinsam tun? Wie soll die Atmosphäre bei uns zu Hause sein? Wie sollen unsere Beziehungen zueinander sein? Wie wollen wir miteinander umgehen und reden? Was ist für uns als Familie wirklich wichtig? Eine Familienkultur ist eine Wir-Kultur, die dabei hilft, schwierige Passagen gemeinsam zu meistern.

„Kinder sind unsere größten Lehrer, und wenn man sich unsicher ist, was zu tun ist, braucht man nur eine Zeit lang still zu sein und hinzuhören. Das allein ermöglicht schon ein Zusammenrücken. Einfach, weil man, indem man sich herausnimmt, Dinge zulässt, die man sich nie erträumt hätte“, sagt Maria.

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