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Gut zu sprechen

Fremdsprachen bilden.

Home » Leben » Gut zu sprechen - 07.2017

Andere Länder, andere Sitten. Sprache bestimmt mit, wie wir die Welt sehen. Wer eine Fremdsprache lernt, erweitert damit seinen Horizont.

Wer schon einmal eine neue Sprache gelernt hat, der weiß: Zu Beginn paukt man Vokabeln und verzweifelt am Satzbau, an den Artikeln und Akzentzeichen. Man will ja, aber irgendwie fehlen das nötige Verständnis, der Zugang und das Feingefühl.

Je mehr man sich jedoch mit der Sprache selbst, aber auch mit den Ländern, in denen sie gesprochen wird, beschäftigt, umso eher entwickelt man ein Gefühl dafür. Plötzlich bekommt man eine Idee von der Landeskunde, der Geschichte, den Bräuchen, vielleicht auch von der Musik, dem Essen und den Gepflogenheiten.

Ist man dann auch noch persönlich vor Ort, finden die Wörter oft automatisch ihren Weg nach draußen. Das „Danke“ an der Supermarktkasse geht einem dann genauso flüssig von der Zunge wie den Menschen in der Schlange vor einem. Und das Fremde rückt ein Stückchen näher.

Im Heimatland der neuen Sprache lernt man oft viele Wörter dazu, für die es in der Muttersprache keinen passenden Ausdruck gibt. Meistens sind es Wörter, die Alltagskultur vermitteln und für etwas stehen, das man nur begreifen kann, wenn man es einmal am eigenen Leib erlebt hat. Zum Beispiel die spanische Siesta, den irischen Craic oder den deutschen Fenstertag.

„Im englischen Sprachraum fallen die Feiertage meistens auf einen Montag. Deshalb gibt es dort schlichtweg kein Bedürfnis, einen eigenen Begriff für den Tag zwischen einem Feiertag und dem Wochenende zu kreieren“, erklärt Nicola Kraml, Leiterin des Sprachenzentrums an der Universität Wien.

Wer spricht, erlebt

Doch was trägt Sprache darüber hinaus zu unserer Wahrnehmung bei? Lange Zeit hat man angenommen, dass wir durch sie unsere Welt in einer bestimmten Art und Weise erleben. „In der Sprache eines Volkes, so wird oft gesagt, spiegeln sich seine Kultur, seine Seele und seine Denkweise wider“, schreibt der Sprachforscher Guy Deutscher in seinem Buch „Im Spiegel der Sprache. Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht“ (erschienen im dtv Verlag). Er geht der Frage nach: „Ist unsere jeweilige Sprache eine Linse, durch die wir die Welt betrachten?“

Das Thema ist komplex, empirisch bewiesen ist bisher wenig. Dafür halten sich Mythen: Die Sapir-Whorf-Hypothese geht etwa davon aus, dass unser Denken von der Sprache bestimmt und begrenzt wird. Sie gilt heute als überholt.

Die Sprache als Instinkt

Die Wissenschaft vermutet mittlerweile, dass die Sprache ein Instinkt ist. Ihre Grundlagen seien in unseren Genen codiert und folglich identisch. Guy Deutscher verweist auf eine Theorie des Wissenschaftlers Noam Chomsky. Ihr zufolge teilen alle Sprachen dieselbe Universalgrammatik, dieselben Grundbegriffe, dasselbe Ausmaß von Systemkomplexität.

Der Einfluss, den unsere Muttersprache auf das Denken habe, sei demnach unwesentlich, sogar trivial: Sprache erziehe uns zu bestimmten geistigen Gewohnheiten, was sich auf Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Assoziationen auswirke. Deutscher ist jedoch der Überzeugung, dass grundlegende Aspekte unseres Denkens durchaus von den kulturellen Konventionen unserer Gesellschaft beeinflusst sind.

„Man ist heute davon abgegangen, dass eine Sprache den Blick auf die Welt definiert“, bestätigt auch Sprachforscherin Kraml. Aber: „Möglichkeiten, die in einer Sprache zur Verfügung stehen und in anderen Sprachen nicht, verändern den Blick auf die Welt.“ Die logische Konsequenz ist die Erweiterung des eigenen Horizonts.

Was man neben Wortschatz und Grammatik stets mitlernt, ist die fremde Kultur. „Irgendwie muss die Sprache zu mir kommen. Durch die Beschäftigung damit nähere ich mich der jeweiligen Kultur und entwickle ein Verständnis für sie“, erklärt Kraml. Im positivsten Fall öffnet man sich gegenüber der fremden Kultur. Es gibt aber auch negative Fälle, in denen man in seinen Vorurteilen bestärkt wird.

„Wenn in Lehrbüchern sehr stereotypisch vorgegangen wird, könnte der Eindruck entstehen, alle Deutschen seien pünktlich und alle Österreicher liebten das Skifahren“, wendet Kraml ein. Als Lehrende sei es oft schwierig, den Kern einer Kultur zu treffen, ohne zu generalisieren. Klar ist auch, dass Sprachen ein Prestige haben. Sie versinnbildlichen Wirtschaftskraft, politische Vorherrschaft, diplomatisches Geschick oder Popkultur.

Mehr verstehen – mehr Toleranz

Sprache kann also zum Abbau von Vorurteilen beitragen – muss sie aber nicht. Sie hat das Potenzial, die Angst vor dem Fremden zu nehmen, was in der Folge zu mehr Toleranz führt. „Gerade in einer Stadt wie Wien hört man viele andere Sprachen“, sagt Kraml, „wenn man nur einen Bruchteil davon versteht, dann merkt man, dass es sich um harmlose Gespräche handelt, die wir in unserer Sprache ähnlich führen.“ Das Verstehen einer Sprache zeigt, wie ähnlich wir Menschen uns im Grunde sind. Das schafft eine Verbindung, eine Vertrauensbasis.

Welcher Lerntyp sind Sie?

 

Jeder Mensch hat seine eigene Art, wie er sich Dinge am besten merkt. Während die einen den Lernstoff lesen, sagen ihn andere laut vor und wieder andere schreiben ihn nieder. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen vier verschiedenen Lernypen.

Der auditive Lerntyp, welcher über das Zuhören lernt, der visuelle, der sich über das Sehen Dinge am besten merkt, der kommunikative, der lernt, indem er darüber spricht und der motorische, der sich ganz nach dem Motto „learning by doing“ mit Neuem beschäftigt.

In Bezug auf das Erlernen einer neuen Sprache gibt es je nach Lerntyp verschiedene Arten sich Vokabeln zu merken. Wer über das Sehen lernt, sollte sich Vokabeln groß aufschreiben oder mit einem Bild verknüpfen. Wer über das Zuhören lernt, sollte die Worte am besten laut aussprechen oder sich prüfen lassen. Die Vokabeln können aber auch aufgenommen und immer wieder abgehört werden. Wem Kommunikation beim Lernen hilft, der sollte bevorzugt in Gruppen lernen oder, wenn möglich, dem jeweiligen Land einen Besuch abstatten. Diese Möglichkeit kommt auch für den motorischen Lerntyp infrage. Dieser kann aber auch über Filme oder über das Berühren von Gegenständen neue Vokabeln erlernen.

Jede Art des Lernens funktioniert also über die Sinnesorgane. Umso mehr Sinnesorgane beteiligt sind, umso besser kann sich das Gehirn an neuen Stoff erinnern. Hinzu kommt, dass die meisten Menschen eine Mischung aus allen vier Typen sind oder mindestens zwei bis drei Lernarten bevorzugen. Um sich eine Sprache schnellstmöglich anzueignen, sollte man also zuerst einmal herausfinden, welche Arten des Lernens für einen selbst besonders zielführend sind.

Die Vielfalt der Sprachen

 

Zwischen 6.000 und 6.500 Sprachen gibt es weltweit. Die Schwierigkeit liegt aber in der Zählung. Genauer gesagt: in der Abgrenzung, was ein Dialekt ist, und was eine Sprache. Oft gibt es für eine Sprache keine linguistischen, sondern politische Hintergründe. Diese Tatsache beschreibt der Satz: „Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Flagge.“ Fest steht, dass es rund 300 unterschiedliche Sprachfamilien gibt, aus denen sich die anderen Sprachen ableiten.

Was beim Sprachenlenrnen unterstützt

 

Erleben
Das Lernen einer Sprache endet nicht im Klassenzimmer oder Sprachkurs. „Vieles passiert auch außerhalb davon“, erklärt Sprachforscherin Nicola Kraml von der Universität Wien. Das kann ein Restaurantbesuch beim Mexikaner sein, oder eine Reise nach Spanien.

Motivieren
Mit Menschen in Kontakt zu treten, deren Muttersprache man gerade erlernen will, motiviert ungemein. Etwa durch regelmäßige Treffen, Kaffeehausbesuche oder Spaziergänge.

Erzählen
Eine Fremdsprache wirkt weniger fremd, wenn man eigene Geschichten und Erlebnisse damit formuliert.

Interesse zeigen
Wer gerne Modemagazine oder Cartoons in seiner Erstsprache liest, kann diese Gewohnheit ruhig in die Fremdsprache übernehmen. Auch YouTube-Videos, (Lieblings-)Filme, Kinobesuche oder Radiohören können zum Sprachgefühl beitragen.

Zeit nehmen
Eine Sprache zu lernen braucht viel Zeit. Die grobe Regel lautet: Ebenso viele Wochen­stunden, wie man in den Sprachkurs investiert, sollte man zusätzlich für das Selbststudium aufwenden. „Man muss aber nicht jede Fremdsprache gleich gut sprechen“, beruhigt Kraml. Lieber sollte man sich überlegen, für welchen Zweck welche Sprachkenntnisse nötig sind.

Wissenswertes: Esperanto – die verhinderte Welt-Sprache

 

Mit der internationalen Plansprache „Esperanto“ gab es einst den Versuch, die Menschen zu vereinen. Ziel war es, die „Gleichgültigkeit auf der Welt“ zu überwinden. So zumindest die Idee des Begründers Ludwig Lazarus Zamenhof. Heute gibt es zwar weltweit zahlreiche Esperanto-Vereine, zur Weltsprache hat es die Idee aber nicht geschafft. Warum eigentlich nicht? „Esperanto war eine schöne, friedvolle Idee“, erklärt Sprachforscherin Nicola Kraml von der Universität Wien. „Sie war klug geplant und hat viele regelmäßige Strukturen.“ Trotzdem: Eine gänzlich neue Sprache zu lernen, bedeute für jeden Menschen einen Zusatzaufwand. Während Englisch ohnehin bereits stark verbreitet sei – was auch mit ihrem Prestige als Wirtschaftssprache zu tun habe. Außerdem: „Eine Gerechtigkeit kann es nicht geben, weil es keine gleich große Distanz zu allen Sprachen geben kann“, sagt Kraml.

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