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Eine Reise zu mir selbst

Kreative Auszeiten schärfen das Bewusstsein.

Home » Leben » Eine Reise zu mir selbst - 07.2017

Innere Ruhe findet man oft ganz in der Nähe: Wer die gewohnte Umgebung einmal bewusst wahrnimmt, wird überrascht sein, wie erfüllend ein paar freie Tage zu Hause sein können.

„Als ich begann, mich selbst zu lieben, habe ich verstanden, dass ich in jeder Lebenslage zur richtigen Zeit am richtigen Ort bin“, sagte Charlie Chaplin einmal. Auch wenn New York, Kapstadt oder Neu-Delhi verlockend und abenteuerlich klingen, ist es diese Reise zu sich selbst, die wohl am erfüllendsten sein kann.

Wer sich Chaplins Worte zu Herzen nimmt, braucht nur in seiner Umgebung nach einem bereichernden Urlaub zu suchen. Die innere Ruhe stellt sich vielleicht schon bei einem Waldspaziergang ein, oder während eines Meditationstages am nahen See. Ganz einfach zu finden ist sie meist nicht, deshalb lohnt es sich, ihr bewusst ein Stückchen entgegenzukommen, zum Beispiel mit kreativen Tätigkeiten, die die Gedankenströme in eine andere Richtung stupsen und den Kopf freiblasen.

Kreativität entspannt

Im Lehnstuhl schaukeln und stundenlang an einem Pullover stricken, einen Korb flechten oder im Garten arbeiten – was viele Großeltern glücklich macht, erscheint Jüngeren oft langweilig. Erst wenn sie sich selbst vor einer Töpferscheibe oder einer Staffelei wiederfinden, wird ihnen klar: Kreativ tätig zu sein hat etwas unheimlich Entspannendes und Befreiendes. Die eigenen Gefühle und Gedanken auszudrücken, auf die Leinwand zu klecksen, ins Holz zu schleifen oder in den Stoff zu nähen, wird von manchen Ärzten sogar als Heilmethode empfohlen, bevor sie Antidepressiva verschreiben.

Auch Schmerztherapie wird oft von kreativem Schaffen begleitet. „Der Kopf ist mit den jeweiligen Handgriffen gefüllt. Es bleibt kein Raum, sich zu sorgen oder sich in den Problemen des Alltags zu verhaken“, sagt Magnus Moser. Er leitet die Potteria in Wien, ein Töpferstudio, das viele Kunden nach der Arbeit oder am Wochenende für ein paar Stunden aufsuchen. Bei ihm „versinken die Leute regelrecht im Tonklumpen. Sie denken nicht mehr daran, wen sie anrufen müssen oder welches E-Mail zu beantworten ist. Oft ist es mucksmäuschenstill, und ich traue mich gar nicht mehr, zu ihnen hinzugehen“. Moser lacht und erzählt, dass seine Frau auch ihn abends oft aus der Töpfermeditation holen muss.

Wer denkt, dass Kunsthandwerk wie das Töpfern erst aufwendig erlernt werden muss, liegt falsch: „In fünf Minuten haben wir das Wichtigste erklärt“, erzählt Moser. „Wenn jemand eine kreative Blockade hat, geben wir noch einen kleinen Schubser, und dann gibt’s auch schon kein Halten mehr. Danach sprudelt’s oft so richtig aus den Leuten heraus, sodass wir merken: Es war wohl längst Zeit, kreativ tätig zu sein.“ So entstehen kunstvolle Schalen, Schüsseln oder Vasen, Kinder modellieren Lillifees oder Spielzeugautos.

Kreativität als Ventil

Das Töpfern ist ein Ventil, durch das sich die Menschen öffnen und selbst verwirklichen können. Wenn Magnus Moser nach Hause geht, sind seine Hände meist noch ein bisschen schmutzig und er weiß: Das Töpfern hat ihn wieder mal geerdet.

Wer zu Hause ein paar Stunden für sich hat und den Kopf freikriegen möchte, greift zu Kugelschreiber und Papier. Durch freies Schreiben kann man wirre Gedanken ordnen und verarbeiten. Manche sagen sogar, man könne dabei Befürchtungen und Sorgen von sich ablösen und an das Papier abgeben. Für Kinder wird daher oft das Tagebuch zum Begleiter.

Stefan Abermann, Autor, Poetry-Slammer und Seminarleiter in Innsbruck, hat selbst nie zum geheimen Büchlein gegriffen, weil „ich meinen Alltag nicht als spannend genug empfunden habe“. Inzwischen weiß er, dass das ein Trugschluss war: „Wenn mich heute jemand fragt, ob eine bestimmte Erfahrung ausreicht, um daraus einen Text zu machen, antworte ich fast immer: Ja, weil nur du drüber schreiben kannst.“

Abermann versteht es, jedes Sujet interessant und humorvoll zu verpacken. Großteils behandelt er das, was ihn beschäftigt, auf ironische Weise – zum Beispiel das blinde Vertrauen in Navigationssysteme, den Tourismushype oder das alltägliche Jammern. „Das Schreiben hilft mir, die Dinge, die rundherum passieren, leichter erträglich zu machen“, sagt er und schmunzelt.

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Anleitung zum Müßiggang 

Und wie geht man als Laie an einen Text heran? „Es ist wichtig, mit dem zu arbeiten, was in einem drinsteckt, und das nicht abzuwerten“, sagt Abermann. „Schreiben ist Erzählen mit Bildern. Für einen spannenden Text ist es am besten, jene Bilder zu verwenden, die man gut kennt und nachzeichnen kann. Wenn mich jemand beeindruckt oder mir etwas nahegeht, schreibe ich besser darüber, als ferne Themen zu behandeln, ,weil man das eben so macht‘.“

Außerdem plädiert er dafür, zu reflektieren anstatt an der Oberfläche hängen zu bleiben. Wer das Warum ergründet, kann gute Texte verfassen, dabei aber auch gleich die eigene Gedankenwelt durchleuchten und verstehen lernen. Diese Strategie trage laut Abermann dazu bei, sich immer wieder selbst zu reflektieren – egal ob für den nächsten Poetry-Slam oder die eigene Ausgeglichenheit.

Kreativ in der Natur

Einen wertvollen Ausgleich bietet natürlich auch die Natur. Das wohltuende Gefühl, das wir bei einer Wanderung gemeinsam mit dem holzig-frischen Geruch von Tannen und Fichten geradezu einatmen, bestätigen auch Wissenschaftler. Naturerlebnisse senken den Blutdruck, heben die Stimmung und bauen Killerzellen auf, die das Immunsystem stärken.

Was aber, wenn Sie zu jenen Menschen gehören, die sich in der Natur schlichtweg langweilen? Dann suchen Sie eine Tätigkeit, die Ihre Aufmerksamkeit fokussiert. Mieten Sie sich beispielsweise ein Kanu oder Kajak und verbringen Sie ein paar Tage im Freien, an einem Fluss. Über das Wasser zu gleiten entspannt. Und wenn Sie auch noch ein Zelt einpacken, wird’s obendrein abenteuerlich.

Oder Sie spüren mit einem Pflanzenführer allerlei Kräuter und Gewächse auf, sammeln sie und verarbeiten sie zu Selbstgemachtem: Ringelblumen zu Lippenbalsam, Johanniskraut zu Heilsalben, Löwenzahnblüten zu Honig.

Sie können sich auch auf Schatzsuche begeben. Dazu benötigen Sie heutzutage keine geheime Karte mehr, sondern nur ein GPS-Gerät. Die Koordinaten, an denen in Ihrer Umgebung ein Schatz versteckt ist, finden Sie etwa auf geocaching.com. Diese geben Sie in das Gerät ein, und schon geht die Suche los. Als Belohnung dürfen Sie den Gegenstand in der Schatzkiste behalten und sich ins Logbuch eintragen. Aber immer daran denken, einen anderen Schatz als Tauschobjekt zurückzulassen!

Fokus durch Fotos

Ein möglicher Begleiter für den Wald- oder Stadtspaziergang ist auch die Fotokamera, die das Bewusstsein auf die kleinen, hübschen Details lenkt. Den Fokus ein paar Stunden lang nur auf eine einzige Sache zu richten tut den meisten Menschen, die tagtäglich mit vielen Dingen gleichzeitig beschäftigt sind, richtig gut.

Beim Fotografieren geht es darum, erst dann abzu­drücken, wenn man den besten Blickwinkel gefunden hat. „Gerade in der eigenen Umgebung, in der einem alles schon bekannt und langweilig vorkommt, fallen beim Fotografieren die schönsten Dinge auf“, sagt Marie-Theres Chaloupek, die vor Kurzem im niederösterreichischen Zwettl an einem Fotoseminar teilgenommen hat. „Das kann sogar ein einfaches Gänseblümchen sein, das man aus unterschiedlichen Winkeln betrachtet und in Szene setzt.“

Mit der Kamera in der Hand verbringt sie gerne ein paar Stunden in der Natur, entdeckt, wie sich das Sonnenlicht den Weg durch saftig-grüne Grashalme bahnt, oder beobachtet mit dem Mikroobjektiv eine Ameise, die schwer beladen zurück zu ihrem Hügel marschiert. Details, die sonst dem Auge verborgen bleiben.

Sich stundenlang nur mit einer Blume zu beschäftigen, ist das nicht langweilig? „Nein“, sagt Chaloupek. „Es mag banal klingen, aber so eine Blume hat mehr zu bieten, als man zu Beginn erkennt! Der Blickwinkel, die Belichtungszeit, der Zoom, die Umgebung, alles lässt sich verändern. Auf der Wiese gibt’s außerdem nichts, was mich stresst, deshalb bin ich automatisch viel geduldiger.“

Auch vor dem Kurs war sie schon mit der Kamera unterwegs, doch „es macht mehr Freude, wenn man das Handwerk beherrscht. Die Bilder werden einfach besser, und ich habe jetzt schon ein paar zu Hause hängen, die wunderbare Momente eingefangen haben“.

Für den Fotospaziergang ist übrigens kein großes Equipment nötig. Nur das Smartphone sollte zu Hause bleiben. Denn Anrufe und Nachrichten lenken ab. Und das ist das Letzte, was wir während unserer Auszeit wollen.

Inspirierende Links für die kreative Auszeit

 

Auszeit-Links

Wer sich inspirieren lassen oder so manch neue Tätigkeit erlernen will, wirft am besten einen Blick auf diese Liste.

Poetry Slam und rund um’s Schreiben: Stefan Abermann aus Innsbruck gibt Workshops, ein paar seiner eigenen Slams gibt’s auf CD. Im writersstudio.at in Wien wird alles von ersten Gedichtskursen bis zu einer längeren Schreibausbildungen angeboten.

Fotoworkshops und -reisen: Bei den Fotonomaden belichten Sie rund um Zwettl die Natur ab, in der wienerfotoschule.at spazieren Sie mit der Kamera durch Wien. Wer in die Ferne will, bucht etwa bei bohemianjourneys.com, die von Prag aus auch nach Kanada reisen, oder bei artistravel.eu.

Töpfern und kreative Handarbeit: Die Potteria in Wien heißt ihre Gäste stundenweise willkommen, in Prag gibt’s etwa das ceramic-studio.net.

Kanureisen: Natours bietet Kanuwandern unter anderem in Tschechien, Rumänien, Frankreich oder Schweden an, Waldviertel.at zum Beispiel im Thayatal.

Kochkurse und -reisen: Ob frische kroatische Teigtäschchen in Split (culinary-croatia.com), Risotto in der Toskana (tuscookany.com, tuscany-cooking-class.com), Gulasch in Budapest (cookingbudapest.com) oder ein selbst gewähltes Menü in Terezas privater Küche in Prag (praguecookingclass.com) – mit Einheimischen zu kochen ist immer etwas Besonders.

Heilfasten: Wer lieber ohne zu essen zur Besinnung kommt, sucht zum Fasten etwa das Kloster Pernegg in Niederösterreich, das Biohotel Sommerau im Salzburger Land oder Kaliven Deghaz in Ungarn auf.

Garten und Natur: Bei den Workshops von Natur im Garten lernen Sie, Gärten anzulegen, biologisch zu düngen oder hören singenden Vögeln zu.

Meditation am Berg: Wege zum Sein und Alpenretreat verbinden Yoga, Meditation und Co. mit der Idylle am Berg.

Kreativurlaub: Von Töpfern bis Goldschmieden, Buchbinden bis Filzen, bei Urlaub Kreativ, Kreativreisen oder rogaia finden Sie ein breites Angebot.

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