Menü öffnen

Können Sie improvisieren?

Nicht immer läuft alles nach Plan. Hier hilft die Kunst der Improvisation.

Home » Inspiration » Können Sie improvisieren? - 02.2017

Unsere Welt ist von Planern bevölkert. Die Improvisation ist zur Reparatur-Methode degradiert worden. Da tut man ihr aber unrecht, der Improvisation. Sie ist eine Kunst, die uns ganz neue Wege öffnen kann.

Wir planen gerne. Also die meisten von uns. Wir planen alles. Zumindest viele von uns. Wir planen, warum und wo wir uns mit Freunden treffen; wann und wie wir einen romantischen Abend mit dem Partner verbringen; mit wem und wie vielen wir Geburtstag feiern und woher wir was für die Präsentation vor einem wichtigen Kunden organisieren. Wir planen den Urlaub, die Karriere, die Familiengründung, die Anzahl der Kinder und was wir in der Pension tun werden. Wir planen, gesünder zu leben, fitter zu werden und uns zu ändern. Wir planen, wo wir in fünf, in zehn, in fünfzehn Jahren sein wollen. Kurz gesagt: Wir planen unsere Zukunft. Malen sie uns aus. Überlegen, wie wir unsere Ziele er­reichen können. Machen Listen. Diagramme. Tabellen. Führen To-do-Tagebücher. Tragen alles in den Kalender ein. Bis dann irgendwas passiert. Das Unerwartete. Die Über­raschung. Das Nicht-Geplante. Es kommt aus dem Nichts, macht uns einen Strich durch die Zukunftsvisionen und leitet uns auf Pfade, die wir eigentlich nicht einschlagen wollten. Tja. Was jetzt? Am besten, wir fragen einfach die Planlosen.

Nicht planen – wie geht das?

Sie leben in den Tag und aus dem Bauch. Sie stellen sich auf Situationen ein, wenn sie da sind. Sie sind flexibel, für alles offen und frei. So zumindest sehen sie sich selbst. Für die anderen, die glauben, die Kontrolle über ihr Leben in der Hand zu haben, klingt das wie eine Kneippkur fürs Leben. Immer zwischen kalt und warm, ständig zwischen allen Möglichkeiten. Tja. Was jetzt? Am besten, wir suchen die goldene Mitte.

Wie schon John Lennon in „Beautiful Boy (Darling Boy)“ gesungen hat: „Life is what happens to you while you’re busy making other plans.“ Das Leben ist das, was dir passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen. Jetzt kann man natürlich versuchen, ein bisschen planloser zu werden. Ganz bewusst im Moment, im Hier und Jetzt zu leben. Alles auf sich zukommen zu lassen und gar nicht erst über die Zukunft nachzudenken. Damit verhindert man, dass irgendetwas nicht so kommt, wie man sich das vorgestellt hat. Schließlich hat man sich gar nichts vorgestellt. Aber das ist quasi unmöglich. Denn jeder Mensch macht sich Gedanken darüber, wie es weitergeht. Jeder hat eine Wunschvorstellung in seinem Kopf. Und jeder lenkt sein Leben, manchmal vielleicht auch unbewusst, in die für ihn richtige Richtung. Überraschungen sind eigenständig und lassen sich nur ungern vermeiden. Sich gegen sie zu sträuben, bringt uns weder weiter noch macht es sie ungeschehen. Aber wir können lernen, mit solchen Überraschungen umzugehen und, damit sie uns nicht aus der Bahn werfen, möglichst schnell zu reagieren. Tja? Was heißt das jetzt? Keine Sorge, es ist etwas Gutes.

Vorbereitung ist alles

Improvisieren, das ist ein Wort mit dem Klang von Abenteuer und Verheißung. Es stammt vom lateinischen „improvisus“ ab, das „unvorhergesehen“ bedeutet. Jemand, der improvisiert, kann den Eindruck vermitteln, dass er sich immer irgendwie durchwurschtelt, eigentlich unvorbereitet und womöglich sogar noch inkompetent ist. Aber so ist das nicht.

Man stelle sich zum Beispiel vor, dass man eine Präsentation vor einem wichtigen Kunden halten muss. Aber dann, die Überraschung. Der Laptop streikt. Und alles, was man erarbeitet und schön aufbereitet hat, ist dahin. Gut und erfolgreich improvisieren kann man in so einer Situation nur, wenn man auch gut vorbereitet ist. Wenn man nicht in Panik ausbricht, ruhig bleibt und vielleicht sogar einen Scherz macht, der die Situation auflockert. Wenn man sich umschaut, Alternativen sucht und Gelegenheiten erkennt, sich einen Stift und ein Blatt Papier schnappt, die Tabellen und Diagramme aufzeichnet, die Zahlen und Fakten im Kopf hat und die Präsentation aus dem Stegreif hält. Je besser man vorbereitet ist, desto weniger muss man also improvisieren. So weit, so logisch. Das Unvorhergesehene ist also nicht ganz unvorhergesehen. Es ist vielleicht nicht zu planen, aber zu bedenken.

Winston Churchill, ehem. Premierminister

“Am meisten Vorbereitung kosten mich immer meine spontan gehaltenen, improvisierten Reden.“

Etwas zu bedenken ist vielleicht noch anstrengender als jeder Plan. Wir sollten möglichst alle Möglichkeiten im Auge haben, müssen Szenarien im Kopf durchspielen, überlegen, wie man in welcher Situation am besten reagiert. Wenn etwa der Babysitter kurzfristig doch keine Zeit hat oder es im Urlaub am Meer jeden Tag regnet. Wenn der Hund wichtige Unterlagen frisst oder man plötzlich ein Blackout hat. Wenn irgendeine Technik streikt oder ein Kollege uns mit einer blöden Bemerkung verunsichert. Mit so einem Propheten-Gen in sich kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Eigentlich. Denn es liegt in der Natur der Überraschung, dass sie unverhofft daherkommt. So etwas hat schon Kriege entschieden. Tja. Was jetzt? Na, improvisieren!

Keine Schweißperlen, keine Sorgenfalten. Kein Gestammel, keine Unsicherheiten. Ein selbstbewusstes Auftreten ist entscheidend. Aufrecht stehen, Brust raus, Kopf hoch, lächeln, cool bleiben, den fragenden Blicken nicht ausweichen, Alternativen suchen und einfach weitermachen. Gestik und Mimik beeinflussen die Gefühle. Das heißt, wer sich selbstsicher gibt, der wird es auch.

Bleiben Sie ruhig

Wer improvisieren muss, schaut am besten den Schauspielern auf die Finger. Auf die Mimik. Auf die Haltung. Auf die Körpersprache. Wie sie es schaffen, das Publikum auch ohne vorgegebenen Text zu unterhalten. Auch wenn sie sich sonst gern gegenseitig an die Wand spielen, in dem Fall sind sie aufmerksam, hören genau zu, arbeiten zusammen, erkennen und nutzen Gelegenheiten, reagieren spontan, sind flexibel und verlassen sich auf ihr Bauchgefühl. Manchen Menschen sind diese Fähigkeiten angeboren, alle anderen müssen üben. Allem voran: Ruhe bewahren. Tief durchatmen.

Wenn möglich, kurz die Augen schließen. Langsam bis drei zählen. Und zu sich selbst sagen: Egal, was passiert, so schlimm ist es nicht, ich schaffe das. So beruhigt man sich, der Kopf wird frei, man kann eine Lösung suchen und das Beste daraus machen. Wenn uns eine Überraschung vom Weg abbringt, muss das nicht immer schlecht sein. Wir können etwas Neues entdecken, unseren Horizont erweitern. Und wer weiß, vielleicht gefällt uns der Umweg sogar so gut, dass er seine erste Silbe verliert und zum Weg wird. Dass wir vergessen, was war, uns neue Ziele setzen und nicht mehr zurückschauen. Eine Trennung oder Kündigung mag uns zwar anfangs aus der Bahn werfen, später ist es oft das Beste, was einem passieren konnte. Bei all den winzigen Über­raschungen des Alltags liegen die Dinge etwas anders. Da mündet der Umweg oft in eine Sackgasse. Tja. Was jetzt? So schnell wie möglich den Weg zum Ziel finden.

Gelegenheit macht schnell

Dazu gehört es natürlich, dass man sie sie überhaupt erkennt. Schnell denken, kombinieren, improvisieren. Die drei gehören zusammen. Der Trainingsplan für mehr Spontaneität ist leicht erstellt. Dinge nicht immer so machen, wie man sie immer macht. Neues ausprobieren. Andere Wege gehen. Gewohnheiten absichtlich und kontrolliert durchbrechen. Den Moment wahrnehmen. Hin und wieder etwas Verrücktes tun. Immer wieder aus dem Bauch heraus entscheiden. So gewöhnt man sich daran, die Intuition zu nutzen. Auch Gelegenheiten zu erkennen ist Übungssache. Aufmerksam sein. Perspektiven wechseln. Dinge anders betrachten.

Manche Gelegenheiten springen einen regelrecht an, andere verstecken sich. Aber man findet sie überall, in schlechten Nachrichten oft sogar leichter als dort, wo alles hurra schreit. Gelegenheiten sind da, wenn man in einem langweiligen Meeting sitzt oder der Bus einem vor der Nase wegfährt. Man entdeckt sie, wenn die Freundin in letzter Minute das Treffen absagt oder man das Gefühl hat, dass die Welt gleich untergeht. Jede Situation im Leben ist das, was wir daraus machen. Es gibt immer Alternativen. Manchmal stellen sie sich sogar als bessere Optionen heraus. Genau hinschauen. Gut zuhören. Optimistisch sein. Das Beste passiert uns nicht einfach so, wir können es nur aus dem machen, was uns passiert. Eine Überraschung ist dann nichts weiter als eine Herausforderung. Eine Möglichkeit, ums Eck zu denken. Und die Improvisation zu üben.

5 Schritte zur Improvisation

  • Das Unerwartete ist die Verbündete der Improvisation. Ohne sie ist sie nicht nötig.
  • Die Überraschung ist Startschuss zur Improvisation. Aus ihr kommt Inspiration.
  • Die Ruhe ist das Kostüm der Improvisation. Sie verkleidet Chaos in Können.
  • Die Selbstsicherheit ist die Königsdisziplin bei der Improvisation. Sie ermöglicht alles.
  • Das Neuland ist die Belohnung für die Improvisation. Es öffnet andere Welten.
Nach Oben
OKMehr Information