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Der Luxus des Minimalismus

Weniger ist genug.

Home » Leben » Der Luxus des Minimalismus - 12.2017

Minimalismus bedeutet: Nur mehr all das haben, was man wirklich braucht, um ein erfülltes Leben zu führen. Es geht übrigens nicht nur um Materielles, um den Fokus auf das Wesentliche zu schaffen.

Der Kopf ist voll, randvoll: zugemüllt mit tausenden To-Dos, Listen, Terminen und Dingen, die man noch besorgen muss. Es herrscht Chaos im Kopf, und das überträgt sich leicht auf unsere Umgebung. Gerade in hektischen Zeiten, in denen alles drunter und drüber geht, sehnen sich viele Menschen nach Einfachheit, Klarheit und weniger Unwesentlichem.

„Aus psychologischer Sicht betrachtet“, sagt der Mentaltrainer und Coach Florian Graßmück, „erscheint der zunehmende Drang hin zum Minimalismus durchaus einleuchtend, da wir heutzutage in einer enorm hektischen, schnelllebigen Welt leben, in der man mit Eindrücken aus der Umwelt regelrecht zugeschüttet wird. Die logische Reaktion ist dann, diesem Reizüberfluss durch einen sehr geordneten, minimalistischen Lebensstil entgegenzuwirken, um ein inneres Gleichgewicht herstellen zu können.“

Doch Minimalismus bedeutet nicht, sich radikal von allem Materiellen loszusagen. Er ist eine Denkweise. Man entscheidet sich nicht ausschließlich gegen materielle Dinge, sondern setzt seinen Fokus bewusst auf eine andere Ebene, zum Beispiel Erlebnisse und zwischenmenschliche Beziehungen.

So wenig wie nötig statt immer mehr

Es geht also nicht unbedingt darum, einfach nur stur seine Besitz­tümer auf ein Mindestmaß zu reduzieren, sondern um die Chance, Platz für Dinge zu schaffen, die wirklich glücklich machen. Ein Denkanstoß, der auf den ersten Blick radikal wirkt, aber möglicherweise den Ideenball ins Rollen bringt, ist folgender: Jedes Mal, wenn wir uns etwas Neues kaufen, bezahlen wir mit Lebenszeit. Der Lebenszeit, die wir aufgewendet haben, um das Geld zu verdienen, das wir gerade ausgeben. Sollten wir also nicht lieber ganz bewusst mit unserer kostbaren Zeit umgehen und nur das besitzen, was wir wirklich brauchen?

Bewusstes Konsumieren fällt leichter, wenn man sich vorher vor Augen geführt hat, was man bereits alles besitzt. Denn meistens gehen die Gegenstände, die man wirklich braucht, in einem Meer von Dingen unter, die allein durch ihre schiere Menge unterbewusst oder sogar bewusst belasten. Doch warum fällt es so schwer, sich von manchen Dingen, insbesondere von Erinnerungsstücken, zu trennen? „Oft sind Dinge mit einem psychischen Festhalten an alten Zeiten verbunden, die Teil unserer Geschichte sind und somit maßgeblich mitbestimmen, wie wir uns selbst sehen, aber auch, wie wir gesehen werden wollen“, erklärt Florian Graßmück. Und wer trennt sich schon gern von einem Teil seiner Selbst?

Bevor man mit dem Reduzieren beginnt, sollte man sich noch einmal bewusst machen, dass es beim Minimalismus darum geht, sich selbst nicht durch Dinge zu definieren – ob man sie nun besitzt oder eben bewusst auf sie verzichtet. Wenn man sicher ist, was man mit dem Aussortieren bezwecken möchte, und es nicht nur aus einem Impuls heraus macht, kann man beginnen, sein Leben Schritt für Schritt zu entrümpeln.

Falls aber schon alleine der Gedanke ans Platzschaffen unmöglich erscheint, ist es eine gute Idee, sich Unter­stützung zu holen. Katrin Miseré hilft als Aufräumcoach Menschen dabei, sich von Dingen zu trennen. „Man muss versuchen, die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken“, sagt sie, „denn es geht darum, was einem selbst gut tut. Und nicht darum, was andere machen.“

Buch-Tipp: Einfach Leben: Der Guide für einen minimalistischen Lebensstil, von Lina Jachmann.

Projekt Wohnung

Beim Platzschaffen im persönlichen Umfeld gibt es keine festen Regeln. Es geht einzig und allein darum, was sich gut anfühlt. Was für die eine zu viel ist, ist für die andere genau richtig. Das Ziel ist für alle gleich: Bedürfnis nach Klarheit, der Wunsch, Überflüssiges loszulassen und die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche zu richten.

Das größte und wichtigste Einsatzgebiet ist jener Ort, an dem man sich vom oft hektischen Alltag erholen möchte, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Hier kann man ganz praktisch denkend vor­gehen: Welche Dinge und Möbel in meiner Wohnung brauche ich wirklich? An welchen Orten verbringe ich die meiste Zeit und was mache ich am öftesten in meinen vier Wänden? Wer gerne kocht, braucht vermutlich hier mehr Utensilien als andere.

Oft fällt es einem leichter, den Ist-Zustand zu ändern, wenn man zuerst den Soll-Zustand visualisiert. Das funktioniert am besten mit einzelnen Moodboards für jeden Raum. Auf ihnen hält man die Grundstimmung, Farbe und die wichtigsten Einrichtungsgegenstände fest. Dann kann man beginnen, allen unwichtigen Ballast zu entfernen. Hat man das einmal geschafft, ist es wichtig, die gewonnene Ordnung auch weiterhin aufrechtzuerhalten. Dafür gibt es laut Katrin Miseré eine ganz einfache Regel: Jeder Gegenstand bekommt seinen festen Platz zugewiesen und wird nach der Verwendung immer wieder dorthin zurück­gestellt. So geschieht das Aufräumen wie nebenbei und nimmt die geringstmögliche Zeit in Anspruch.

Eine empfehlenswerte Dokumentation zum Thema: „Minimalism – a documentary about the important things“, auf Netflix

Projekt Kleiderschrank

Nach den einzelnen Räumen kommen Teilbereiche wie die Garderobe dran. Unter dem Begriff „Capsule Wardrobe“ versteht man, nur noch so viele Kleidungsstücke zu besitzen, wie man wirklich braucht. Als Richtwert empfohlen werden 37 Lieblingsteile pro Saison, die sich gut miteinander kombinieren lassen. Wer nicht nach diesem Konzept vorgehen möchte, sich aber trotzdem einen minimalistischeren Kleiderschrank wünscht, sollte sich folgende Fragen stellen: Wie sieht ein typischer Tag bei mir aus? Was muss meine Kleidung können? Trage ich bei der Arbeit andere Kleidung als in der Freizeit? In welcher Kleidung fühle ich mich wohl?

Eine Frau, die das Konzept „Capsule Wardrobe“ bereits anwendet, ist die Bloggerin Carolina Hubelnig von „Gute Güte“, die zurzeit 50 Kleidungsstücke besitzt: „Man spart Zeit, alle Teile im Kleiderschrank passen zusammen und man tut auch noch der Umwelt etwas Gutes, indem man lange Freude an hochwertigen Stücken hat, anstatt sie durch neue zu ersetzen“, zählt Hubelnig die Vorteile auf. Sie rät dazu, sich eine Übersicht darüber zu verschaffen, was man besitzt, um sich dann seine Lieblingsstücke herauszusuchen und das Aussortierte zu spenden, anstatt es wegzuwerfen.

Projekt Körper

Auch der Supermarkteinkauf kann minimalistischer ausfallen, wenn man Lebensmittel­verschwendung und unübersichtliche Kühlschränke vermeidet. Dazu überlegt man sich möglichst genau, was man in den kommenden Tagen essen möchte, und erstellt eine Einkaufsliste. Dasselbe Prinzip gilt für die Körperpflege. So umgeht man Impulskäufe – und somit massenhaft unbenutzte Shampoos, die im Bad herumliegen.

Dort kann man auch noch mehr Platz schaffen, indem man wiederverwendbare Produkte benutzt, etwa Mikro­faser-Handschuhe zum Abschminken oder eine Menstruationstasse, die den üblichen Vorrat an Hygieneartikeln ersetzt.

Nachdem man all den materiellen und seelischen Ballast erst einmal abgeworfen hat, wird man merken, wie viel positive Energie dieser vermeintliche Verzicht plötzlich freisetzt. Dieses Hochgefühl, wenn man wieder etwas aussortiert und weggeräumt hat, dieses Gefühl der Erleichterung und der Schwerelosigkeit, das sich dann breitmacht, kann man bündeln und für Neues nutzen.

Minimalismus schafft Platz und die Zeit, um sich mit seinem Inneren auseinanderzusetzen, sich über seine Wünsche, Ziele und Träume klar zu werden und um diese auch zu leben und umzusetzen. Und nach diesen ersten Schritten ist es auch wichtig, die neu gewonnenen Ressourcen an Platz und Zeit sinnvoll zu nutzen.

Doch bevor man sich Neues vornimmt, sollte man laut Katrin Miseré vor allem eines: die gewonnenen Freiräume einfach genießen.

So fällt das Aussortieren leichter

  • Alles aus dem Schrank holen, um sich eine Übersicht zu verschaffen.
  • Mit Dingen beginnen, die emotional wenig behaftet sind.
  • Sharing is caring – Dinge, die man selten benutzt, mit anderen teilen.
  • Dinge, die schlechte Erinnerungen wachrufen, kommen sofort weg.
  • Aussortiertes und noch Verwendbares nicht wegwerfen, sondern spenden. Oft fällt es leichter, sich von etwas zu trennen, wenn man weiß, dass man anderen damit helfen kann.

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