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Die Lust am Schmücken

Wieso wir uns aufhübschen.

Home » Leben » Die Lust am Schmücken - 11.2017

Zu Weihnachten schmücken wir nicht nur den Christbaum, sondern auch uns selbst. Von der Lust, sich zu schmücken, und warum dieses Bedürfnis ein zutiefst menschliches ist.

Am 24. Dezember vor dem Spiegel: Zuerst wird der flauschige Pulli anprobiert, der eigens für Weihnachten besorgt wurde. Dann greift sie doch zum smaragdgrünen Kleid und kombiniert es mit einer Silberkette, an der ein eleganter Stern baumelt. Zum Schluss findet sie sich in einem roten Samtrock und dem klassischen schwarzen Rüschentop wieder und legt sich ein Tuch in warmen Rottönen locker um den Hals.

Gerade zu Weihnachten verbringen wir viel Zeit vor dem Spiegel, um mit Freude unterschiedliche Kleidungsstücke, Farben, Formen und Muster zu einem schönen Festtagsoutfit zu kombinieren. Wir schmücken eben nicht nur den Christbaum gerne, sondern auch uns selbst.

Styling wirkt auf die Gefühle

„Styling hat, psychologisch gesehen, eine unglaubliche Macht“, sagt die britische Psychologin Kate Nightingale. „Es beeinflusst uns auf zwei Weisen: Einerseits kommunizieren wir damit nach außen, wer wir sind, welcher sozialen Gruppe wir angehören und was unsere Wünsche und Bedürfnisse sind. Andererseits wirkt es nach innen auf unsere Gefühle und Gedanken.“ Wer etwa ein rotes Kleid mit Selbstbewusstsein assoziiert, wird es anziehen und sich darin am Weihnachtsabend stark und ausgeglichen fühlen. Andere rufen dieses Gefühl eher mit dem kleinen Schwarzen hervor, wieder andere greifen zum kunterbunten Patchwork-Outfit, um sich ihrer selbst sicher und bei sich zu sein.

Kate Nightingale, Psychologin

»Weihnachtsfeste sollten wir zum Anlass nehmen, uns beim Styling einmal richtig auszutoben: mit speziellen, glamourösen Outfits! Außergewöhnliche Kleidung gibt uns ein einzigartiges Gefühl, und wir sollten uns gerade zu Weihnachten erlauben, mit allem Schnickschnack aufzutrumpfen, den wir in unseren Schubladen finden!«

 

In den Stilberatungen, die Nightingale in London anbietet, übt sie mit ihren Kunden, sich so anzuziehen, wie sie es tatsächlich möchten und wie es zu ihnen passt – ohne daran zu denken, wie andere den Kleidungsstil empfinden. Das soll helfen, sich selbst wieder besser wahrzunehmen und wertzuschätzen.

Mit der idealen Kleidung ändern sich die Stimmung und das Befinden: „Das Gehirn nimmt wahr, womit und wie wir uns schmücken“, sagt die Beraterin. „Jedes Kleidungsstück, jeder Stil, jede Farbe, jeder Stoff hat eine symbolische Bedeutung für uns und beeinflusst unsere Gefühle.“ Wer sich zu einem extravaganten Weihnachtsoutfit hingezogen fühlt, verbindet damit vielleicht den Drang, sich auszuprobieren und auszuleben, oder die Freude an besonderen Farben und Formen.

Welche Kleidung euphorische Gefühle in uns hervorruft, erkunden wir am besten selbst: Einfach den Kleiderschrank durchstöbern und erleben, ob sich der alte Oma-Pulli schäbig und kratzig oder warm und wohlig, die graue Röhrenjeans beengend oder sexy anfühlt.

Sahnehäubchen für das Selbstbewusstsein

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Dem richtigen Styling kommt gerade zu Weihnachten besondere Bedeutung zu, da wir meist Verwandte oder Bekannte treffen, die wir mitunter schon lange nicht mehr gesehen haben.

Da möchten wir uns natürlich von unserer besten Seite zeigen. Kleidung funktioniert dabei zwar nicht wie eine Magic Pill für den selbstbewussten Auftritt, aber sie kann helfen, sich selbst als wertvoller wahrzunehmen und damit automatisch mehr Attraktivität auszustrahlen. Für Prof. Erich Kasten, der an der Medical School Hamburg Psychologie lehrt, ist das tolle Outfit „quasi das Sahnehäubchen für das Selbstbewusstsein“.

Wer etwa sozial anerkannt und sympathisch ist und obendrein gute Leistungen erbringt, darf sich mit stylischer Kleidung schmücken und mögliche Selbstzweifel mit einem kleinen Schubs aus dem Weg räumen. Davon, das Selbstbewusstsein allein auf dem Äußeren aufzubauen, rät er allerdings ab.

Körperschmuck tut der Seele gut

Der Deutsche forscht spezialisierend im Bereich Body-Modifications, einer speziellen Form des Körperschmucks. Hier hat er unter anderem erkannt, dass uns Tätowierungen und Piercings auf verschiedene Weise berühren: „Man ist stolz darauf, seine Angst vor möglichen Schmerzen überwunden zu haben, fühlt sich mit dem neuen Körperschmuck hübscher und bekommt obendrein Komplimente von außen.“

Erich Kasten, Psychologe

»Zu Weihnachten lassen sich frühe Falten, Haarausfall oder graue Schläfen hervorragend verdecken: mit der roten Weihnachtsmann-Zipfelmütze. Am besten zieht man sie sich völlig über den Kopf, dann tritt eine innere Ruhe ein, die das ganze restliche Jahr bisher hat vermissen lassen.«

 

Das stabilisiert die Psyche, stärkt die Seele – und kann sogar therapeutisch wirken. Borderline-Patienten etwa konnten durch Piercings und Tattoos ihr selbstverletzendes Verhalten reduzieren. Eine Tätowierung, die an eine verstorbene Person erinnert, kann bei der Trauerbewältigung helfen, das sogenannte Semikolon-Projekt konnte bereits Selbstmorde verhindern. „Das Tattoo eines Semikolons symbolisiert, dass man den Satz des Lebens nicht mit einem Punkt beenden muss, sondern auch mit einem Strichpunkt weiterlaufen lassen kann“, erklärt Kasten.

Zusätzlich wirkt Körperschmuck jeglicher Art – ganz egal, ob hübsche Kleidung, tolles Make-up, schicke Ohrringe oder Piercings – natürlich auch nach außen auf andere Menschen. „Man darf sich über positives Feedback freuen und schöne Menschen werden laut zahlreicher sozialpsychologischer Studien als klüger, sympathischer, leistungsstärker und gesünder eingeschätzt“, sagt Kasten. Das bestätigt wieder unser natürliches Verlangen, unsere Persönlichkeit ein wenig zu schmücken. Beim Weihnachtsfest gut auszusehen kann uns helfen, unsere natürlichen Stärken zu unterstreichen.

Das Glück in der Schönheit

Ein schickes Styling beschert uns aber nicht nur wohltuendes Feedback, sondern bereichert auch die ganze weihnachtliche Feierrunde. Im menschlichen Gehirn werden nämlich Glückshormone ausgeschüttet, wenn wir attraktive Gesichter betrachten. Das haben wissenschaftliche Studien erkannt. „Und das gilt nicht nur für andere, unser Gehirn belohnt uns auch mit euphorischen Gefühlen, wenn wir uns selbst als schön und gutaussehend beurteilen“, sagt Erich Kasten. Es profitieren also wirklich alle von unserem Weihnachtsstyling – auch wir selbst beim Blick in den Spiegel.

Zu den Festtagen darf der Auftritt auch ruhig ein bisschen ausgefallener sein, denn, so Style-Psychologin Nightingale: „Wie oft haben wir schon die Möglichkeit, uns so schick herauszuputzen und so besonders zu fühlen?“ Schon jetzt dürfen wir zu tüfteln beginnen, wie wir uns dieses Jahr stylen werden. Natürlich nicht, ohne darüber nachzudenken, worin wir uns wohlfühlen – und welches Weihnachtsoutfit tatsächlich zu uns passt.

Zusammenfassung: Woher kommt die Lust am Schmücken?

  • Das Styling übt psychologisch gesehen Macht aus.
  • Wir kommunizieren damit nach außen wer wir sind, zu welcher sozialen Gruppe wir gehören und was wir wollen.
  • Unser Styling wirkt aber auch nach innen: Unsere Kleidung gibt uns Selbstsicherheit. Sie ist das „Sahnehäubchen für das Selbstbewusstsein“.
  • Kleidung und (Körper-)Schmuck können dabei helfen, unsere natürlichen Stärken zu unterstreichen.
  • Das beeinflusst nicht nur die eigene Stimmung, sondern auch die anderer: Im Gehirn werden Glückshormone ausgeschüttet, wenn wir attraktive Gesichter ansehen.
  • Gerade an Weihnachten wollen wir uns den Menschen, die uns nahestehen und die wir vielleicht lange nicht mehr gesehen haben, von unserer besten Seite zeigen.
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