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So finden Sie Ihr richtiges Selbstbild

Ich bin gut, aber …

Home » Leben » So finden Sie Ihr richtiges Selbstbild - 10.2017

Schöner, schlauer, sympathischer – heutzutage geht es oft darum, besser zu sein als die anderen. Wir werden dazu getrieben, uns verzerrt wahrzunehmen und unsere Fähigkeiten zu überschätzen. Ein Plädoyer für ein richtiges Selbstbild, das entspannt und ausgleicht.

Fahrt ihr schon einmal vor, ich komme mit dem Fahrrad nach!“, ruft Emma ins Wohnzimmer, wo die Theaterfreundinnen inzwischen unruhig auf dem Sofa sitzen und auf sie warten. „Emma, das sind fünf Kilometer, das schaffst du nie rechtzeitig“, sagt ihre Freundin Doris. „Und ganz verschwitzt wirst du auch sein!“, ergänzt Luisa, die gerade ihre silbernen Creolen anlegt. Emma winkt ab. „Ach, ich fahre doch immer mit dem Rad durch die Stadt. Das geht locker!“

 

Die anderen kichern und verdrehen die Augen. „Was habt ihr denn?“, fragt Emma. „Ich bin inzwischen richtig sportlich geworden!“ Kopfschüttelnd fahren die Freundinnen im Auto voraus. Vor dem Theater warten sie mit einem Glas Sekt auf Emma, die wie vorhergesagt völlig verschwitzt und außer Atem gerade noch rechtzeitig eintrifft.

Besser als der Durchschnitt

Mit dieser übersteigerten Selbstwahrnehmung ist Emma nicht allein. In der Sozialpsychologie kennt man das als Over-Confidence– oder Above-Average-Effekt: die Tendenz, sich selbst besser als den Durchschnitt einzustufen. Eine Befragung in London ergab erst vor Kurzem wieder, dass sich 98 Prozent der Teilnehmer als netter empfanden als andere. Einige von uns schätzen sich wie Emma als überdurchschnittlich sportlich ein, andere als höflicher, reflektierter, hübscher oder klüger. All das mag noch nicht verwerflich sein, denn es motiviert und bringt Respekt ein, was wiederum zu Erfolg führen kann. Doch was, wenn sich der Hausarzt überschätzt und jemanden behandelt, anstatt ihn zum Facharzt zu überweisen? Wenn ein Autofahrer seine Fahrkünste verzerrt wahrnimmt und einen Unfall herbeiführt oder wenn jemand eine falsche Entscheidung trifft und sich jahrelang durch ein unpassendes Studium quält?

Machen wir uns doch nichts vor. Den Grund, warum wir uns oft besser einschätzen, als wir sind, sieht die Wiener Psychologin und Pädagogin M. Doskoc darin, dass „heutzutage von uns verlangt wird, alles zu können. In der Arbeitswelt kommt nur gut an, wer besser ist als die anderen“. Wir machen uns und den Mitmenschen daher vor, perfekt zu sein. Das führt oftmals dazu, dass wir vorgeben, etwas zu beherrschen, von dem wir eigentlich keinen Schimmer haben.

Einige sitzen dann bis spät in der Nacht am Computer und erlernen bestimmte Fähigkeiten, nur um am nächsten Tag damit zu brillieren und nicht zugeben zu müssen, etwas nicht zu können und nicht perfekt zu sein. „Das stresst, übt Druck aus, kann zu Schlaflosigkeit, Unruhe und Angst führen“, warnt Doskoc. „Sogar unseren zwischenmenschlichen Beziehungen kann es schaden, da wir in Folge oft respektlos, zickig oder unfreundlich werden. Würden wir uns trauen, unsere Schwächen zuzugeben und auch anderen gegenüber zu äußern, könnten wir uns bei unseren Aufgaben helfen lassen und dem selbst aufer­legten Druck entfliehen.“ Der Psychologin ist natürlich bewusst, dass das ein Riesenschritt ist, der viel Mut abverlangt – aber uns gleichzeitig näher zur inneren Ausgeglichenheit führt.

Erste Hilfe für das Selbst(bild)

Um den Blick auf unser Selbstbild zu schärfen, sollten wir damit beginnen, die eigenen Fähigkeiten zu hinterfragen: „Kann ich das wirklich?“ Wir müssen lernen, diese Frage aufrichtig zu beantworten und zu reflektieren, wo unsere Stärken und Schwächen liegen. Nur so kann das Selbstbild näher an die Wirklichkeit heranrücken. Besonders hilfreich ist dabei Feedback von außen, am besten von Freundinnen, Familie, Kollegen oder auch Mentoren oder Psychologen, die uns aus einer anderen Perspektive wahrnehmen. In dieser ständigen Reflexion, alleine und mit anderen, sammeln wir bedeutsame Informationen über uns und unsere Fähigkeiten.

Das ist besonders wichtig, da wir eines oft vergessen: Unser Selbstbild entsteht aus den alltäglichen Erfahrungen. Doch nicht alles im Leben nehmen wir bewusst wahr, es wird daher auch nicht jede Facette in dieses Bild integriert. David Dunning von der Cornell University, Entdecker des Dunning-Kruger-Effekts, hat diese „blinden Flecken“ der Wahrnehmung erkannt. Ihm zufolge haben wir einfach nicht alle Informationen, die wir brauchen, um uns selbst richtig einzuschätzen. Umso wichtiger sei es, andere Meinungen anzunehmen, sein Wissen zu erweitern und diese blinden Flecken damit zu minimieren.

Nachdem wir die eigene Wahrnehmung analysiert haben, folgt der härteste Schritt: sich die entdeckten Schwächen auch einzugestehen. „Dazu müssen wir uns vorab klarmachen, dass es in Ordnung ist, nicht alles zu wissen und zu können“, sagt Doskoc. „Vor allem vor anderen Menschen zu den eigenen Schwächen zu stehen ist ein wichtiger Teil unseres Charakters und bedeutsam für ein realistisches Selbstbild.“ Wer das beherzigt, traut sich viel eher, sich so wahrzunehmen, wie er ist, muss sich nicht mehr verstellen oder sich etwas vormachen. Die Selbsttäuschung aufzugeben und ehrlich aufeinander zuzugehen tut gut und entspannt sowohl im Beruf als auch im Privatleben.

Die Mitmenschen wertschätzen

Im Alltag hilft es obendrein, sich gegenseitig wertzuschätzen: öfters einmal das Positive an unseren Mitmenschen zu loben und ihre Fähigkeiten zu erkennen, anstatt wegen ihrer Schwächen zu nörgeln. „Das ist schon bei Kindern besonders wichtig“, betont M. Doskoc, die auch als Kinderpädagogin tätig ist. „In der Schule wird gefordert, auch in jenen Bereichen, die uns nicht liegen, gute Noten zu bringen. Wer etwas nicht kann, macht vor, es zu können.“ Wird allerdings von klein auf das Gute hervorgehoben und vermittelt, dass wir mit all unseren Fehlern wertvoll sind, bauen wir ein stabiles Selbstwertgefühl auf und können auch mit unseren Schwächen besser umgehen. Wir lernen, diese zu zeigen und niemandem etwas vorzumachen. Das erleichtert den realistischen Selbstblick und nimmt den Druck. Denn eines ist klar: Niemand ist perfekt, und das haben wir alle gemeinsam.

3 Schritte zum richtigen Selbstbild

  1. Reflexion: Kann ich das wirklich? Reflektieren Sie immer wieder auf ehrliche Weise Ihre Fähigkeiten und erkennen Sie, wo tatsächlich Ihre Stärken und Schwächen liegen.
  2. Feedback: Was denken die anderen? Lassen Sie sich auf Gespräche mit Freundinnen, der Familie oder Arbeitskollegen ein und erkennen Sie, wie Sie von außen wahrgenommen werden.
  3. Eingeständnis: Sich selbst Fehler einzugestehen hilft ungemein, die Selbstwahrnehmung auf ein realitätsnäheres Niveau zu heben.

Gruppenspiel: Wie nehmt ihr mich wahr?

Für diese Übung braucht man eine Gruppe von Menschen, Papier und Stifte. Zuerst schreibt jeder seinen Namen und ein paar Eigenschaften von sich selbst ganz links auf den Zettel, also freundlich, einfühlsam, kritisch, unrund, schüchtern, kreativ, aggressiv, liebevoll. Die Spalte wird nun nach hinten gefaltet und der Zettel an eine andere Person weitergegeben, die ihre Wahrnehmung der Person niederschreibt. Danach wird wieder gefaltet, und so macht jeder Zettel die Runde. Zum Schluss hält jeder seinen eigenen Zettel in der Hand und darf ihn öffnen. Die Ergebnisse werden verglichen – und bei Interesse in der Runde diskutiert.

Zusammenfassung: Ursachen und Lösungen für falsche Selbsteinschätzung

  • Viele Menschen nehmen sich selbst besser als den Durchschnitt wahr.
  • Diese Überschätzung kommt auch daher, dass gerade in der Arbeitswelt von uns verlangt wird, besser zu sein als die anderen.
  • Selbstüberschätzung kann zu Druck, Stress und Angst führen. Stehen wir hingegen zu unseren Schwächen, kann das zu innerer Ausgeglichenheit führen.
  • Um das richtige Selbstbild zu finden, helfen drei Schritte: Eigene Fähigkeiten hinterfragen, Feedback einholen und sich diese Ergebnisse dann auch eingestehen.
  • Gegenseitige Wertschätzung und positives Lob hilft dabei, dass wir uns wohlfühlen und uns trotz unserer Schwächen als wertvoll empfinden.
Dunning-Kruger-Effekt

 

Ende der 1990er-Jahre fanden die beiden amerikanischen Psychologen David Dunning und Justin Kruger an der Cornell University heraus, dass besonders inkompetente Menschen die Tendenz haben, sich selbst zu überschätzen, aber zu inkompetent sind, dies zu erkennen. Dunning: „Die Fähigkeiten, die man braucht, um eine richtige Lösung zu finden, [sind] genau jene Fähigkeiten, die man braucht, um eine Lösung als richtig zu erkennen.“ Je schlechter die eigenen Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet sind, umso schlechter sind auch die Fähigkeiten, Leistungen auf diesem Gebiet zu bewerten.

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