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So funktioniert Respekt

Miteinander statt gegeneinander.

Home » Leben » So funktioniert Respekt - 10.2017

Nicht alle Menschen sind gleich. Aber wenn sich alle gegenseitig in ihrer Menschlichkeit akzeptieren, ist das der beste Weg zu einem respektvollen Miteinander.

Jeden Tag erleben wir unzählige Situationen, in denen Respekt eine Rolle spielt – auch wenn uns das in vielen Fällen gar nicht bewusst ist. Denn Respekt bedeutet viel mehr als etwa das Aufschauen zu einer Autoritätsperson. Respekt spielt sich zu einem großen Teil im gesellschaftlichen Miteinander ab. Wenn wir respektvoll miteinander umgehen, hat das großen Einfluss auf unser eigenes Leben und das unserer Mitmenschen.

 

Dabei zählt nicht der sogenannte vertikale Respekt, also das positive Bewerten der Leistungen, des Wissens oder der Fähigkeiten anderer. Vielmehr kommt es im täglichen Zusammenleben auf den horizontalen Respekt an. Er steht dafür, die andere Person als gleichwertiges Gegenüber wahrzunehmen und dabei im eigenen Tun stets deren Wünsche und Definition von Wahrheit zu berücksichtigen. Anders und kürzer formuliert: Jemandem auf Augenhöhe zu begegnen.

Damit uns das gelingt, ist es nötig, genauer hinzuschauen. So sagt es auch das lateinische Wort „respicere“, von dem der Begriff „Respekt“ abstammt. Es bedeutet wörtlich übersetzt „zurücksehen auf“ oder „nochmals hinsehen“. Etwas breiter ausgelegt steht es auch für „berücksichtigen“ oder „beachten“. Und das heißt laut der deutschen Respect Research Group (RRG), die Bedeutung und den Wert des Gegenübers zu erkennen. Es geht darum, sich aktiv mit einer anderen Person auseinanderzusetzen, um sie aus ihrem Bezugsrahmen heraus zu verstehen.

Den ersten Eindruck hinterfragen

Respekt heißt deshalb vor allem auch, sich nicht gleich aufgrund des ersten Eindrucks ein Bild von jemandem zu machen. Im alltäglichen Leben ist das gar nicht so leicht. Wie oft stecken wir Menschen in Schubladen, verurteilen und beurteilen sie innerhalb weniger Sekunden oder Minuten? „Dass wir uns schnell einen ersten Eindruck machen, ist generell gut so, um mit der Komplexität der Welt umzugehen“, erklärt die deutsche Psychologin und ehemalige Leiterin der RRG, Christina Mölders, die sich umfassend mit dem Thema Respekt beschäftigt.

Voltaire, französischer Philosoph (1694–1778)

»Anerkennung ist ein wundersam Ding: Sie bewirkt, dass das, was an anderen hervorragend ist, auch zu uns gehört.«

„Wir brauchen solche Mechanismen, um handlungsfähig zu bleiben und schnell reagieren zu können.“ Es sei aber wichtig, diese ersten Eindrücke zu hinterfragen. „Das hat etwas mit ehrlichem Interesse zu tun“, erklärt Mölders. Wer hinterfragt, ist bereit, sich mit dem anderen wahrhaftig auseinanderzusetzen, um zu ergründen, was für ein Mensch das ist, anstatt einfach nur seine Präsenz hinzunehmen.

„Auf diese Weise begibt man sich weg von der Oberfläche“, sagt Mölders. Natürlich kann man sich nicht mit jeder Zufallsbekanntschaft gleich intensiv beschäftigen. „Das kann auch gar nicht der Anspruch sein“, sagt die Psychologin. Wenn man aber merkt, dass man auf jemanden negativ reagiert oder ihn unfair behandelt, sei es seine Frage des Respekts, dieser Person eine zweite Chance zu geben.

Horizontaler Respekt ist bedingungslos

Das Schöne am horizontalen Respekt: Er ist nicht wertend. „Deshalb ist er eine gute Basis, um jemandem erstmals zu begegnen“, erklärt Catharina Vogt, ebenfalls Psychologin und zweite ehemalige Leiterin der RRG. Den Unterschied zwischen vertikalem und horizontalem Respekt zu erkennen sei für viele Menschen ein Aha-Erlebnis. „Denn horizon­taler Respekt ist bedingungslos, ich kann ihn jedem Menschen entgegenbringen“, sagt Vogt. Ob das jemand beim Einkaufen im Supermarkt sei, ein Politiker oder ein Obdachloser, spiele dabei überhaupt keine Rolle. „Selbst wenn man einander im Leben kein zweites Mal begegnen sollte, wäre diese Art von Respekt eine Grundlage für die nächste Begegnung.“

Mangel an Respekt verursacht Schmerz

Wie sich das Gefühl, respektlos behandelt zu werden, auf unser Gemüt auswirkt, zeigen simple Studien. Drei Kinder spielen mit einem Ball. Aber es werfen sich immer nur zwei den Ball zu. Das dritte Kind steht tatenlos daneben und erhält ihn kein einziges Mal zugespielt. „Bei diesem Kind werden im Gehirn dieselben Regionen aktiviert, als würde es körperlichen Schmerz verspüren“, erklärt Mölders.

In der Psychologie ist dieses Gefühl, das genauso real ist wie physisches Leiden, als „sozialer Schmerz“ bekannt. Das Kind fühlt sich unbeachtet, nicht gleichwertig, ausgegrenzt. Dieser Effekt ist auch bei Erwachsenen zu beobachten. „In eine Gruppe eingebunden zu sein ist für unser Überleben sehr wichtig“, sagt Mölders. Ausgrenzung lasse sich als Außenseiter im Freundeskreis genauso erleben wie beim Mobbing am Arbeitsplatz. Man fühlt sich nicht ernst genommen und ungerecht behandelt. „Wenn man das Gefühl hat, nicht als wertvoller Mensch wahrgenommen zu werden, ordnet man sich unter, und das macht auf Dauer nicht glücklich.“ Die Langzeitfolgen solch negativer Gefühle können von Schlafstörungen bis zu Depressionen reichen.

Theodor Fontane, deutscher Schriftsteller (1819–1898)

»Bloßes Ignorieren ist noch keine Toleranz.«

Empathie und Respekt lassen sich lernen

Die gute Nachricht: Den Anspruch, respektvoll zu sein, kann man lernen. Man bringt es sich quasi selbst bei, Schritt für Schritt, und mit viel Selbstreflexion. Das beginnt damit, nicht alles persönlich zu nehmen und seine Unterstellungen gegenüber anderen ruhen zu lassen. Man sollte sich nicht dauernd fragen, wer warum etwas gemacht oder nicht gemacht hat.

„Wenn wir es schaffen, zwischen unserer Beobachtung, unserem Gefühl dabei und unserer Schlussfolgerung zu trennen, kommen die Aha-Erlebnisse“, weiß Vogt. Denn man kann nicht immer von seinem eigenen Verständnis einer Situation ausgehen. „Wer sich dahingehend selbst prüft, hat eine gute Chance, ohne Vorurteile und mit Wohlwollen an die Sache heranzugehen“, sagt die Psychologin.

Noch mehr Mut erfordert es, sich von anderen Rückmeldung einzuholen. Dann erfährt man, warum Dinge wirklich gesagt oder getan wurden, und muss sich nicht von der eigenen Interpretation in die Irre führen lassen. Vielleicht merkt man dabei sogar, dass man selbst als respektlos wahrgenommen wurde, obwohl man eigentlich dachte, sehr viel Respekt zu zeigen. Oder umgekehrt. „Man kann sich sehr viel Mühe geben, respektvoll zu sein, aber es ist trotzdem nicht gesagt, dass es beim anderen auch als respektvoll ankommt“, sagt Mölders.

Jeder Mensch nimmt unterschiedlich wahr. Deshalb liegen Aktion und Reaktion im Auge des jeweiligen Betrachters. „Nur derjenige, den es betrifft, kann entscheiden, ob eine Handlung aus seiner Sicht als respektvoll empfunden wird oder nicht.“ Zauber­formel gibt es keine, aber Reden hilft. Auch die für den Respekt nötige Empathie kann man sich aneignen. Zum Beispiel, indem man gedanklich einen Schritt zurück macht und sich bewusst und intensiv mit dem Gegenüber beschäftigt.

Arthur Schopenhauer, deutscher Philosoph (1788–1860)

»Um fremden Wert willig und frei anzuerkennen und gelten zu lassen, muss man eigenen haben.«

Respekt vor sich selbst

Übrigens: Ob es respekt­vollen Menschen besser geht als anderen, ist schwer zu sagen und noch wenig erforscht. Einerseits reagieren viele Menschen positiv auf Respekt, das führt zu einem guten Miteinander. „Andererseits kostet Respekt – gerade in Konfliktsituationen – aber auch sehr viel Kraft und Energie“, sagt Catharina Vogt. Was man bei all dem nicht vergessen darf: Respekt vor sich selbst zu haben. Auch die eigenen Wünsche und Sehnsüchte müssen wahrgenommen und gestillt werden. „Wer seine eigenen Bedürfnisse immer hintanstellt, geht auf Dauer selbst dabei unter“, meint Christina Mölders. Gerade bei Müttern beobachte sie diesen Verlauf häufig. „Wenn die Kinder dann selbst­ständig werden, merken sie: Irgendwo muss auch ich wieder vorkommen.“ Man soll sich also ruhig zutrauen, Selbstrespekt zu zeigen. Und sagen, was man braucht.

Respekt im Berufsleben

 

Gerade im Arbeitsleben kommt es immer wieder zu herausfordernden Situationen im Umgang mit Kunden, Kollegen oder Vorgesetzten. Weil wir aber die Hälfte unserer Lebenszeit im Job verbringen, lohnt sich ein respektvoller Umgang für alle Beteiligten. Außerdem: „Man weiß nachweislich, dass respektloses Verhalten nicht nur das unmittelbare Gegenüber beeinträchtigt, sondern das gesamte Umfeld“, sagt Berufs- und Arbeitspsychologin Catharina Vogt. Wer sich im Job wohlfühlt und vor allem auch von seiner Führungskraft respektvoll behandelt wird, identifiziert sich stärker mit dem Unternehmen und dem Team, ist zufriedener mit der Arbeit sowie leistungsbereiter.

„Um kreativ zu sein, brauchen wir eine gewisse psychologische Sicherheit“, erklärt Vogt, „als Grundlage dafür, unkonventionelle Ideen zu haben oder auch mal Fehler machen zu dürfen.“ Sie rät: Wer sich im Berufsleben respektlos behandelt und dadurch nachhaltig beeinträchtigt fühlt, sollte das Thema unter vier Augen offen ansprechen. Am besten bezieht man sich dabei auf ein konkretes Verhalten beziehungsweise verweist auf konkrete Beispiele.

„Das erfordert viel Mut, ist aber auch ein Zeichen von Selbstrespekt. Man zeigt, dass man zu sich selber steht, sich selber verteidigt.“ Wichtig ist auch, sich genau anzuhören, was das Gegenüber zu sagen hat und offen für seine Erklärungen zu sein. Kein guter Weg ist es, still und heimlich Allianzen mit anderen zu bilden. „Das führt zu schwierigen Dynamiken, die man schlecht wieder in den Griff bekommt.“

Zusammenfassung: Respektvolles Miteinander lernen

 

  1. Einander auf Augenhöhe begegnen.
  2. Genauer hinsehen und den Wert des Gegenübers erkennen.
  3. Nicht auf den ersten Eindruck urteilen. Zwar reduzieren wir so Komplexität, aber erste        Eindrücke müssen auch hinterfragt werden.
  4. Horizontaler Respekt als Angelpunkt im täglichen Leben: Er ist bedingungslos und wird jedem Menschen gleichermaßen entgegengebracht, währen vertikaler Respekt wertend ist.
  5. Respektloses Verhalten verursacht Schmerzen, kann zu Schlaflosigkeit und Depressionen      führen.
  6. Respekt kann man lernen: Nicht alles persönlich nehmen, keine Unterstellungen vornehmen, nicht immer von der eigenen Interpretation leiten lassen, sondern besser nachfragen und Feedback einholen.
  7. Zu guter Letzt: Sich selbst respektieren und auch die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen.
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