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So kann die Fernbeziehung klappen

Drei Menschen - drei Geschichten.

Home » Leben » So kann die Fernbeziehung klappen - 05.2018

Wenn der Partner hunderte Kilometer entfernt lebt, ist das zwar hart, doch die Zeit des Alleinseins ermöglicht auch neue Wege zur Selbstverwirklichung. Und beim Wiedersehen ist man jedes Mal aufs Neue frisch verliebt. Drei Menschen erzählen von Ihren Erfahrungen in einer Fernbeziehung.

Finn lässt sich erschöpft in sein Sofa sinken. Heute hat er den Gyeongbokgung besichtigt, einen der fünf großen Paläste in Seoul. Übersetzt bedeutet der Name „strahlende Glückseligkeit“. Seit einem Jahr, als Finn (Alle Namen in diesem Artikel wurden von der Redaktion geändert) des Jobs wegen nach Südkorea gezogen ist, empfindet er diese Glückseligkeit. Seine Arbeit erfüllt ihn, die Stadtspaziergänge bereiten ihm Freude, und das Kimchi, scharf eingelegtes südkoreanisches Gemüse, schmeckt. Wirklich glücklich wäre er allerdings erst, wenn er seinen Alltag hier mit jemandem teilen könnte – mit seiner Frau. Sie lebt in Nürnberg, fast 8.500 Kilometer Luftlinie entfernt.

Auch Nadine und Viktoria wissen, wie sich eine Fernbeziehung anfühlt und welche Herausforderungen sie birgt.
Drei Geschichten über die Liebe und wie sie trotz großer Entfernung zu meistern ist. 

Finn – „Man muss sich sicher sein.“

Als Finn und Marija nach ihrem gemeinsamen Auslandssemester in verschiedene Länder zogen, war für beide klar: Jetzt müssen wir uns festlegen. „Ein Besuch kostete immer im drei- bis vierstelligen Bereich“, erzählt Finn. „Einfach zu sagen, ’schauen wir mal, wo das hinführt‘, ging nicht.“

Sich zu jemandem zu bekennen, ist heute nicht mehr alltäglich. Oft strebt man unentwegt nach dem makellosen Partner und dem idealen, vollkommenen Leben, ohne zu erkennen, wie wunderbar es bereits ist. Für Finn steht fest, wie wertvoll die Beziehung zu seiner Frau ist. Auch wenn sie geografisch weit entfernt sind, besteht eine starke emotionale Verbindung. Dass es das „perfekte Leben“ gebe, sei für sie beide eine Illusion. „Ein Freund hat mir einmal gesagt, es gebe drei wichtige Elemente im Leben: Beziehung, Wohnsituation und Arbeit. Wähle zwei aus, die passen sollen. Bei allen drei gleichzeitig wird es nie klappen“, erzählt Finn.

Wenn Marija ihn besucht, bleibt sie meist für mehrere Wochen. „Wenn ich alleine durch Seoul spaziere, geht sie mir besonders ab“, sagt Finn. „Viele Erinnerungen würde ich einfach gerne mit ihr teilen.“ Deshalb schickt er so oft wie möglich Fotos auf die 8.000-Kilometer-Reise. „Und wenn sie wach ist, bekomme ich auch sofort eine Rückmeldung“, sagt Finn. Fast jeden Tag nehmen sie sich, trotz acht Stunden Zeitverschiebung, Zeit für ein längeres Gespräch auf Skype. „Ich finde es in einer Fernbeziehung besonders wichtig, alltägliche Erlebnisse miteinander zu teilen. Sonst verliert man schnell den Bezug zueinander.“ Kaum hat er die Worte ausgesprochen, erreicht ihn eine Nachricht: „Fußballfans sind schrecklich, Betrunkene parken bei Ikea!“ Eine Anekdote aus Marijas Alltag. Finn lächelt.

Das tägliche Leben alleine zu bestreiten birgt aber auch neue Chancen. Um sich selbst zu entfalten, muss man manchmal eigenständig voranschreiten. Marija kann sich etwa ganz auf ihre neue Arbeit konzentrieren und geht nach Feierabend gern zum Yoga. Finn trifft Freunde, wann immer er möchte. „Wir haben jeder eigene Lebenserfahrungen, die in Summe vielleicht sogar mehr ergeben, als wenn wir am selben Ort wären“, meint Finn.

Dennoch freut er sich darauf, mit seiner Frau, die er bereits seit zehn Jahren kennt, wieder an einem Ort sein zu können. Vermutlich in zwei oder drei Jahren, wenn die beiden, inzwischen Anfang 30, Nachwuchs bekommen möchten.

Nadine – „Jedes Mal wie frisch verliebt.“

Wenn Nadine frühmorgens an der Bushaltestelle in Berlin ihren Freund erspäht, kribbelt es im Bauch. Sie fühlt sich wie frisch verliebt. „Das ist ein so intensives Gefühl, dass ich dafür gerne die anstrengenden Nachtbusfahrten zwischen Innsbruck und Berlin in Kauf nehme“, erzählt sie. Sie fällt ihm in die Arme und spürt sofort die Vertrautheit. Jeglicher Schmerz und alle Sehnsucht sind passé. Alle zwei bis drei Wochen sehen sie sich und „würden am liebsten den ganzen Tag nur zu Hause herumgammeln“, sagt Nadine und lacht. „Es fühlt sich einfach so schön an, den Alltag wieder für ein paar Tage miteinander zu teilen.“

Bei dieser gemütlichen Idee macht ihnen jedoch das Berufsleben einen Strich durch die Rechnung. Nadine studiert an der Uni, ihr Freund arbeitet als Sozialarbeiter. „Tagsüber in Vorlesungen zu gehen fällt mir schwer, wenn ich weiß, dass er in meiner Wohnung auf mich wartet“, erzählt Nadine, die dann gerne alle Termine absagen würde. „So gut es geht, halte ich mir jede Minute für ihn frei. Das ist aber auch fordernd. Wenn wir uns sehen, verbringen wir so viel Zeit miteinander, dass wir fast zu einer Person zusammenwachsen.“

Es wirkt wie ein Leben der Gefühlsräusche: Einerseits die euphorischen Hochphasen an den gemeinsamen Wochenenden und die Möglichkeit, sich ganz aufeinander einzulassen. Andererseits die intensive Selbstentfaltung in der Phase des Alleinseins. „Leicht ist das nicht, aber andererseits achtet man im Alltag mehr auf seine eigenen Bedürfnisse. Ich habe Freundinnen, die ihr ganzes Leben nach ihrem Partner ausrichten. Das könnte mir so nicht passieren.“ Um die enge Verbindung in den Phasen des Getrenntseins nicht zu verlieren, empfiehlt Nadine, offen die Gefühle zu besprechen.

„Wir reden über alles, auch über Ängste oder Zweifel, was auch mal zu Konflikten führen kann“, erzählt sie. Das sei vor allem über die Distanz zwar nicht immer leicht, stärke die Beziehung aber enorm. Schwierig findet sie bloß, dass die physische Nähe fehlt. „Manchmal will ich einfach gerne in den Arm genommen werden oder neben ihm aufwachen.“

Viktoria – „Über Kleinigkeiten austauschen.“

Viktoria kann ihr Leben seit Kurzem wieder mit ihrem Freund gemeinsam verbringen. Nach fünf Jahren ist er aus Großbritannien zurückgekehrt. „Es ist unglaublich schön, dass er wieder da ist. Natürlich ist es aber jetzt nötig, sich erst wieder darauf einzustellen. Man muss geduldig sein und sich aufeinander einlassen“, erzählt sie. Denn Fernbeziehungen sind ein ewiger Lernprozess. Es geht nicht darum, in einem gesellschaftlichen Regelgerüst zu funktionieren, sondern vielmehr darum, dieses jederzeit neu zu konstruieren. Eine Beziehung ist ein Prozess, der sich immer wieder verändert. Erlebt man ihn über die Ferne hinweg, „dann lernt man sehr schnell, flexibel, unabhängig und geduldig zu sein“, so Viktoria.

Obwohl ihre Verwandten und Bekannten skeptisch waren, hat sie sich vor sechs Jahren dazu entschieden, mit ihrem Freund trotz Distanz in einer Beziehung zu bleiben. Ihre Freunde hielten mit ihrer Skepsis nicht hinterm Berg: Glaubst du wirklich, dass das klappen kann? Du sollst doch mehr Zeit mit deinem Partner verbringen! „Ich lasse mich von solch einem gesellschaftlichen Druck nicht leiten“, stand für Viktoria fest. „Wenn beide eine Fernbeziehung wollen, kann man sie auch gemeinsam verwirklichen.“ Wichtig ist für sie der regelmäßige Kontakt. „Man sollte sich auch über Kleinigkeiten austauschen und eine normale, menschliche Konversation führen, die sich auch mal ganz banal um das letzte Essen oder ein Feierabendbier drehen darf.“

Die ideale Situation wäre für Viktoria – wie auch für Finn und Nadine – immer gewesen, die Distanz zu überwinden. Natürlich möchte man den Partner am liebsten täglich in die Arme nehmen können und schöne Erlebnisse teilen. Dennoch haben sie sich mit Zuversicht und Neugier den Fernbeziehungen gewidmet, vieles gelernt und erkannt, wie wichtig es ist, unabhängig und eigenständig zu bleiben. Dann ist jede Beziehung eine Bereicherung – sogar in 8.000 Kilometer Entfernung als Fernbeziehung.

So klappt die Fernbeziehung

  • Häufiger Austausch im Alltag.
  • Ob über WhatsApp, Skype oder Facebook – sich gegenseitig Bilder vom Essen mit Freunden zu schicken, vom Squashen mit der Arbeitskollegin zu erzählen oder den neuesten Lieblingsroman zu besprechen, hält die enge Verbindung aufrecht.
  • Dinge sofort ansprechen.
  • Sowohl erfreuliche als auch schwierige Gespräche sind nötig, um die Ehrlichkeit der Beziehung zu erhalten.
  • Geduld lernen.
  • Ist der Partner gerade nicht am selben Ort, muss man lernen, auf ihn zu warten und sich auf das Wiedersehen zu freuen.
  • Das Alleinsein nutzen.
  • Man ist zwar zwangsläufig allein, doch in dieser Zeit kann man eigene Interessen entdecken, Freunde treffen und sich auf seinen Job konzentrieren.
  • Vorgaben ignorieren.
  • Nicht nach der gesellschaftlich vorgeschriebenen Perfektion streben, sondern mit dem, was man hat, zufrieden sein.
  • Die Freizeit teilen.
  • Gemeinsam Bücher lesen und besprechen ist zum Beispiel eine Freizeitbeschäftigung, die sich problemlos über jede Distanz verwirklichen lässt.

Zusammenfassung: Was wir aus Fernbeziehungen lernen können

  • Trotz Fernbeziehung ist es wichtig, alltägliche Erlebnisse regelmäßig miteinander zu teilen. Durch diese Einblicke in den Alltag des anderen, verliert man sich nicht so leicht „aus den Augen“.
  • Eine Fernbeziehung bietet nicht nur Einbußen, sondern auch Chancen. Zum Beispiel ist die Lebenserfahrung im besten Fall höher, als wenn beide Partner am selben Ort sind.
  • Außerdem: Das „Wie-frisch-verliebt-Gefühl“, wenn man sich endlich wieder sieht.
  • Oder die Möglichkeit zur intensiven Selbstentfaltung, wenn jeder allein ist.
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