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Soziale Berufe für den Mann

Die Berufswahl für den Mann von morgen.

Home » Leben » Soziale Berufefür den Mann - 05.2016

Männer von morgen sind keine Mapis, keine Halbfrauen. Sie sind echte Mannsbilder. Und zwar gerade, weil ihnen menschliche Begegnungen so wichtig sind. Das zeigen sie jetzt auch bei ihrer Berufswahl.

„Ich will Feuerwehrmann werden“, ruft Max in die Runde. „Ich Lokführer“, schreit Michael, anscheinend in der Hoffnung, ihn zu übertönen. „Ich Pilot“, sagt Thomas. „Poooliziiiist!“ Max hat seinen Traumberuf noch einmal revidiert. Hauptsache Action, so scheint es. Unter den Vorlieben der Buben tauchen noch Astronaut, Fußballspieler und Megastar auf. Selten bis nie, dass einer Manager sagt. Oder Kindergärtner. Berufe, die einem in den ersten Lebensjahren auch nicht wirklich in den Sinn kommen. Das eine ist zu abstrakt: Manager. Das andere zu weit weg: Kindergärtner.

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Fürsorge. Wer etwas für andere tut, bekommt Liebe zurück.

„Ich habe Touristik studiert und Koch gelernt“, erzählt Georg Makovec. „Aber das war noch nicht das Richtige.“ Der Zivildienst brachte ihn zum Verein Lebensart Sozialtherapie. „Mit mehrfach geistig und körperlich behinderten Menschen zu arbeiten war am Anfang ein leichter Schock“, gesteht er. Aber das eine Jahr war ein guter Zeitrahmen, um als Betreuer bei Lebensart langsam in die Aufgabe hineinzuwachsen. Nun ist er fast 14 Jahre dort und leitet im Zweiergespann mit Renate die Weberei. Für zehn Menschen ist er verantwortlich, fühlt sich in sein Gegenüber gut hinein, wählt die Aufgaben anhand der Fähigkeiten seiner Betreuten aus, fördert und fordert sie. „Das ist ein Weg, den wir ein Stück gemeinsam gehen“, sagt er. Er hat ein ruhiges Gemüt, etwas, das er in die Gruppe mit einbringt. Ruhe und Struktur, einen Plan haben. Und immer wieder reflektieren. Den Spiegel, den man oft und offen vorgehalten bekommt, als Chance sehen, um sich weiterzuentwickeln. „Es gibt hier viele Möglichkeiten, sein Handeln zu überdenken“, sagt der 31-Jährige mit entspanntem Lächeln im Gesicht.

Georg Makovec – Betreuer, Lebensart, Sozialtherapie

„Das hier ist die Arbeit, die mir Freude macht.“

Männerbild

Mit Menschen arbeiten und dabei etwas Sinnvolles tun. Das sind auch für Männer Beweggründe, um in die stark frauendominierte Berufsgruppe Soziales und Erziehung vorzudringen. „Späteinsteiger, die häufig aus brutalen Industriejobs kommen, suchen diese Art der Begegnung. Und zeigen dann eine sehr hohe Berufszufriedenheit“, sagt Univ.-Prof. Dr. Josef Christian Aigner vom Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung in Innsbruck. Aigner hat sich mit seiner Forschung zu den Themen „Männer“ und „Väter“ einen Namen gemacht. Er leitete unter anderem die Studie „eleMENtar – Männer in der pädagogischen Arbeit mit Kindern“, die – stark vereinfacht – zeigt, wie sehr Kinder von männlichen Pädagogen profitieren. In den 1970er-Jahren waren an die 46 Prozent der Volksschullehrer Männer – jetzt sind sie kaum mehr sichtbar.

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Vorteile. Kinder profitieren von männlichen Pädagogen.

„Je jünger die Kinder, desto weniger Männer sind in ihrem Leben“, stellt Aigner fest und spricht vom „Verlust der öffentlichen Zuwendung durch Männer bei Kindern“. Eine verändernswerte Situation.

„Wir brauchen hier die Männer“, sagt Aigner. Nicht nur, weil ein Frühpädagogenmangel herrscht. „Wir brauchen sie auch inhaltlich. Sie bringen kulturell andere Gepflogenheiten in die Erziehung mit ein. Andere Umgangsformen, andere Spielweisen, andere Formen der Bewegung. Kinder agieren körperbetonter, das ist besonders für Buben notwendig, aber auch für Mädchen nützlich“, erklärt der Experte. „Kaum ist ein Mann in einer Kindergruppe, rücken die Buben von der Peripherie ab“, lauten seine Beobachtungen über den Kindergarten als vielfach immer noch recht „mütterlichen Mädchenort“. Aigner hält es für wichtig, dass sich ein anderes Männerbild entwickeln kann, eines, das zeigt, dass Männer fürsorglich mit Kindern umgehen können. Und dabei aber nicht zu „Mapis“ mutieren, also nicht verweiblichen, sondern Männer bleiben.

Rollentausch

Einer der wenigen Herren in frauendominierten Berufen ist Alexander Hoba: seit 1996 Elementarpädagoge, seit 2003 Leiter eines dreigruppigen Kinderfreunde-Kindergartens in Wien. „Ich wollte zunächst als erstes berufliches Standbein etwas Praktisches, ein beständiges Handwerk erlernen, und habe eine Lehre zum Bäcker und Konditor absolviert. Nach zwei Jahren im Beruf habe ich erkannt, dass ich lieber mit Menschen arbeite. Meine Mutter war Elementarpädagogin, ich wusste daher sehr viel über die Arbeit im Kindergarten“, erzählt Hoba über seine Berufswahl.

Kontakt. Kinder brauchen auch die Männer als Bezugsperson.

Kontakt. Kinder brauchen auch die Männer als Bezugsperson.

„Ich lebe den Kindern ein partnerschaftliches Männerbild vor. Ich vermittle ihnen zum Beispiel, dass es ganz normal ist, dass Männer Haushaltstätigkeiten übernehmen. Ich bin nicht der, der die Vorbildrolle nur so lebt, dass er draußen mit den Jungs Fußball spielt. Sie erleben mich eher dabei, dass wir alle gemeinsam ein Beet im Garten anlegen“, sagt Hoba über seine Arbeit, die ihm seit 20 Jahren Freude macht. Auf die Frage, ob Männer als Bezugspersonen ebenso wichtig sind wie Frauen, antwortet er überzeugt: „Na logisch! Vor allem, weil es doch sehr viele alleinerziehende Mütter gibt.“

Aufklärungsarbeit

„Die Burschen stehen sich oft selbst im Weg, stolpern über Rollenklischees, haben ein zu enges Bild von den beruflichen Möglichkeiten“, sagt Dr. Johannes Berchtold, Abteilungsleiter Männerpolitische Grundsatzabteilung des Sozialministeriums. Der „Boys‘ Day“ soll das ändern. Hat er auch schon. Seit 2008 öffnen Gesundheitszentren, Pflegeheime, Kindergärten und Volksschulen an diesem Tag ihre Pforten, um Berufe aufzuzeigen, die vielleicht nicht im Blickfeld der Burschen liegen. „Wir wollen ihnen die Türen öffnen, durchgehen müssen sie dann schon selber“, sagt Berchtold. Im letzten Jahr waren es an die 4.000 Schüler im Alter von zehn bis achtzehn Jahren, die sich einen Einblick in diese Berufsfelder geholt haben. Bei einer Großveranstaltung zum Boys‘ Day wurden die Burschen auf die Bühne des Pflegeheims Baumgarten gebeten und vor eine herausfordernde Aufgabe gestellt: Sie sollten die verschiedenen Berufsfelder bezüglich der vorherrschenden Klischees verteidigen.

Dr. Johannes  Berthold, Abteilungsleiter

„Sie haben sich so vehement gegen die Vorurteile ausgesprochen, auch wenn sie diesen Beruf gar nicht ergreifen wollten. Aber das hat in ihnen etwas verändert, hat ein anderes Bewusstsein geschaffen, Klischees abgebaut. Und das spielt auch für diejenigen eine Rolle, die sich dann doch für einen sozialen Beruf entscheiden. Da herrscht dann plötzlich mehr Offenheit.“

„Insgeheim denken immer noch viele: Kein Problem, dass ein Bub Kindergärtner wird. Aber bitte nicht meiner“, erzählt Dr. Richard Schneebauer, Soziologe bei der Männerberatung des Landes Oberösterreich und Leiter des Projekts „Mannsbilder“, aus seiner Erfahrung. Dieses Projekt entstand aus den Ursprüngen des Boys‘ Day, findet seit 2014 nun aber gleichzeitig mit dem Girls‘ Day statt. „Wichtig sind die Workshops, die es rund um die Mannsbilder gibt. Es geht uns nicht nur um die Berufswahl, wir wollen ein Klima schaffen, in dem man auch über scheinbar uncoole Dinge offen reden kann. Es ist eigentlich ein Stück Lebensschule, das wir anbieten“, sagt Schneebauer und erzählt von den Veränderungen, die an den Projekttagen statt finden.

Berufswahl. Soziale und pädagogische Berufe kommen für den Mann wieder in Trend.

Berufswahl. Soziale und pädagogische Berufe kommen für den Mann wieder in Trend.

„Wichtig ist das Reflektieren, das gemeinsame Erleben – und dass dann in der Gruppe die Erfahrungen geteilt werden.“ Schneebauer spricht vom Berührtsein der Kinder, wenn sie älteren Menschen begegnen und ihnen zuhören, wenn sie in Kontakt treten mit Menschen mit Behinderungen. „Sie bekommen einen anderen Blick auf soziale und pädagogische Berufe. Vielleicht schlagen sie ja auf dem zweiten Bildungsweg eine andere Richtung ein.“ Sind Astronauten, Feuerwehrmänner und Lokführer also bald Auslaufmodelle? Sicher nicht. Aber Berufe mit sozialem Engagement und menschlichem Zugang werden immer wichtiger. Für Männer. Für Frauen. Und für unsere Kinder.

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