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Reden ist Gold

Wie man Sprachlosigkeit überwindet.

Home » Leben » Reden ist Gold - 05.2017

Wenn viel auf dem Spiel steht, fehlen einem oft die Worte. Genau dann sollte man sprechen. Wer das schafft, wird mit einem freieren und wahrhaftigeren Leben belohnt.

Der Ehemann, der den Seitensprung nicht beichtet. Der Mitarbeiter, der aus Angst vor der Reaktion des Chefs nicht sagt, wie unzufrieden er ist. Der Messie, der sich für sein Verhalten schämt und deshalb keine engen Beziehungen zulässt. Es gibt viele Gründe, warum wir anderen Menschen etwas verschweigen.

Manchmal sind es nur unwesentliche Details, die unausgesprochen bleiben. Doch manchmal sind es große Brocken, die uns Jahre oder Jahrzehnte in geheimer Zweisamkeit beeinflussen – und nicht selten die eigene Lebensqualität nachhaltig beeinträchtigen. Und das nur, weil wir manche Dinge einfach nicht über die Lippen bringen.

Schweigen macht vieles kaputt

Die Auswirkungen dieses Verhaltens ziehen oft weite Kreise. Sprachlosigkeit in zwischenmenschlichen Beziehungen wirkt sich auch auf unsere Mitmenschen aus. Auf die Liebesbeziehung, die Beziehung zu Eltern, Kindern, Geschwistern, Kollegen oder Freunden. Wer nicht miteinander spricht, entfremdet sich voneinander. Wenn vertraute Menschen nicht erfahren, was sie eigentlich wissen sollten, können sie sich auch nicht damit auseinandersetzen.

Durch Sprache nehmen wir nicht nur die Wirklichkeit wahr, wir schaffen auch neue Wirklichkeiten. Wenn Sprache fehlt, dann entfremdet sich der Mensch von sich selbst. Und damit brechen auch die Brücken zu anderen ab.

Gefühle wie Scham, Stolz oder Angst spielen oft eine große Rolle, wenn wir schweigen. Wir haben Angst davor, wie der andere reagiert – oder davor, etwas oder jemanden zu verlieren. Diese Angst kann anstrengend sein, lähmend. Aber auch Ausreden, Ausflüchte und Verschleierungen kosten viel Energie.

Uwe Böschemeyer, Psychotherapeut & Leiter des Instituts für Logotherapie

„Sprache ist der Ausdruck von Seele und Geist. Ist Ausdruck unserer Beziehung zu uns selbst und zu anderen.“

Wenn Wahrhaftigkeit fehlt

Wer nicht mit sich selbst in Balance ist, zu wichtigen persönlichen Wahrheiten nicht steht oder sie nicht ausspricht, steht unter Druck, ist verspannt, unzufrieden, unglücklich. Oder um es mit Böschemeyer zur formulieren: Es fehlt die Wahrhaftigkeit. „Wahrhaftigkeit ist die Übereinstimmung zwischen dem, was wir denken, sagen und tun“, schreibt der Psychotherapeut.

Das bedeutet: Etwas zu sagen oder zu tun, was schwierig ist und Folgen haben könnte. Dadurch gebe man der eigenen Angst weniger Raum. Den dafür nötigen Mut trage jeder Mensch in sich, man müsse ihn nur wieder hervorholen. Das gelingt zum Beispiel, indem man sich klarmacht, dass ein Mangel an Offenheit eine Beziehung stark belastet. Oder dass nichts eine Beziehung mehr stärkt als Vertrauen.

Den Mut findet auch, wer sich bewusst macht, was auf dem Spiel steht. Oder dass der andere es möglicherweise verdient, etwas zu erfahren. Hier hilft es, sich einmal in die Position des anderen zu versetzen: Was würde man dann erwarten? Beredtes Schweigen? Oder doch eher die ganze Wahrheit?

Die Sinne schärfen

Die Grundlage dafür, bisher Ungesagtes auszusprechen, ist ein wertorientiertes Gespräch. Das ist mehr als der Dialog zwischen zwei Menschen und basiert darauf, Grenzen neu auszuloten. „Es lebt von dem, was die Gesprächspartner bisher noch nicht gedacht, gefühlt und gesagt haben: von der Erweiterung des Denk- und Fühlhorizonts“, erklärt Böschemeyer.

Erst wer offen für neue Wert- und Sinnerfahrungen sei, könne ein befreiendes Gespräch erleben. In dieser Situation sollte sich jeder der Vielschichtigkeit seiner Seele bewusst sein: Das, was wir sagen oder ausdrücken, ist immer nur ein Bruchteil dessen, was in uns wirklich vorgeht. Um ein wertorientiertes Gespräch zu führen, muss man zu vielem bereit sein. Etwa dazu, in sich hineinzuhören. Aber auch, dem anderen nicht nur zuzuhören, sondern seine Reaktionen zu akzeptieren.

Denn eines ist klar: Wer plötzlich Wahrheiten ausspricht, kann auch kurzfristig negative Reaktionen hervorrufen. Langfristig aber trägt diese Offenheit dazu bei, Beziehungen zu erhalten und zu entwickeln.

Frei sprechen, frei leben

Wer wichtige Dinge unausgesprochen lässt, setzt etwas Wertvolles aufs Spiel: die Beziehung zu nahestehenden Personen, die eigene innere Freiheit, die persönliche Lebensqualität – und die anderer Menschen. Wer es hingegen wagt, aus dem Schatten des Schweigens herauszutreten, wird anders, freier und selbstbewusster leben können, schreibt Böschemeyer.

Dieser Zustand tritt zwar nicht immer sofort ein, aber dafür sicher. Selbst dann, wenn das Gegenüber am Anfang anders als gewünscht reagiert. Zum Beispiel, wenn es ums Verzeihen geht. Verzeihen und Versöhnen sind nur möglich, wenn allen die Verletzung deutlich wird, sagt der Therapeut. Nicht zuletzt deshalb hört Böschemeyer im Gespräch mit seinen Klienten einen Satz besonders oft: „Warum hast du mir das nicht schon längst gesagt?“

3 Schritte zum gelungenen Gespräch

1. Stille
Wer sich an einem stillen Ort auf ein Gespräch vorbereitet, lässt seine Seele am besten baumeln. „Vernachlässigte Gedanken und Gefühle gewinnen wieder Raum“, so Böschemeyer. Stille schafft Platz für Intuition, Ideen für die richtigen Worte können entstehen.

2. Bewusstsein
Das Aussprechen von Wahrheiten kann kurzfristig unerwünschte Reaktionen hervorrufen. Das bedeutet aber nicht, langfristig die Zuneigung oder Liebe des anderen zu verlieren. Im Gegenteil: Oft führt klares Verhalten zu einer viel tieferen Bindung.

3. Bereitschaft
Wer Bereitschaft zeigt, wahrhaftig zu sein, den anderen ausreden lässt, Fragen stellt und genau hinhört, der weiß auch, dass das Gegenüber eine andere Sichtweise haben kann. Und aus dieser Empathie entstehen dann Lösungen.

Zusammenfassung: Warum es sich lohnt, darüber zu sprechen

1. Unausgesprochenes kann die Lebensqualität nachhaltig beeinträchtigen – manchmal über Jahrzehnte hinweg.
2. Wer nicht miteinander spricht, entfremdet sich voneinander und von sich selbst.
3. Angst, Ausreden und Ausflüchte kosten Energie, sind anstrengend und lähmend zugleich.
4. Wer nicht zu seinen persönlichen Wahrheiten steht, steht unter Druck, ist unzufrieden und unglücklich.
5. Wer hingegen das Schweigen bricht, wird anders, freier und selbstbewusster.
6. Verzeihen und Versöhnen ist nur möglich, wenn die Verletzung deutlich wird, wenn man darüber spricht.

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