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Plötzlich Papa

Vatersein kann man lernen.

Home » Leben » Plötzlich Papa - 05.2018

Männer finden manchmal schwieriger in ihre Vaterrolle. Doch auch die kann man lernen. Hauptsache, man hat keine Angst vor Fehlern.

Die Jobdescription für „Papa“ kann heute vieles umfassen: Ernährer, Unterstützer, Förderer, bester Freund. Oder gleich alles zusammen. Das war nicht immer so. „Vater sein“ bedeutete über viele Jahrhunderte hinweg hauptsächlich, der Chef im Hause zu sein. Am emotionalen Geflecht innerhalb der Familie waren die Väter von damals kaum beteiligt. Sie waren zwar die Familienoberhäupter, doch gleichzeitig oft fast unsichtbar und vor allem emotional unerreichbar.

„Erst ab den Sechzigerjahren kamen Männer auf die Idee, dass sie ein integrierter Teil ihrer Familie werden sowie existenziell und emotional für ihren Nachwuchs Sorge und Verantwortung tragen könnten“, schreibt der dänische Gruppen- und Familientherapeut Jesper Juul in seinem Ratgeberbuch „Vater werden und sein“ (Herder Verlag). Sich in diese neue Rolle einzufinden, war für viele damals nicht einfach, denn Vorbilder für ein modernes Vaterbild gab es keine. Zu Beginn wurde die Mutter mehr oder weniger nachgeahmt. Später bemerkten Väter, dass sie ihre eigenen Rollenbilder entwickeln mussten. Sie begannen, die Beziehung zu ihren Kindern als einen besonderen Wert wahrzunehmen.

Zweisamkeit mit dem Kind

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich viel getan in Sachen Gleichberechtigung, Beziehung, Erziehung und Elternschaft. Trotzdem: Welche Rolle und Bedeutung Mütter haben, scheint seit jeher in Stein gemeißelt zu sein. Der in den ersten Lebensjahren des Kindes so wichtige Bindungsprozess galt lange Zeit als weibliches Privileg.

Die Rolle des Vaters hingegen müssen Männer für sich selbst definieren. Jesper Juul rät, sich das Vater-Sein aktiv zu „erkämpfen“ und sich den notwendigen Raum dafür selber zu nehmen. Eine enge emotionale Bindung zu seinem Kind aufzubauen gelinge nur, wenn man möglichst viel Zeit mit ihm verbringt – auch nur zu zweit, ohne Mama. „Verglichen mit der Mutter deines Kindes bist du als Vater ein Amateur“, sagt Juul. „Der einzige Weg, diesen Unterschied auszugleichen, ist, mit deiner Frau übereinzukommen, dass sie dich mit eurem Kind allein lässt.“

Sich ein realistisches Bild machen

Diese Erfahrungen seien einmalig, aber gleichzeitig beängstigend, weil Vätern erst dadurch so richtig bewusst werden würde, was es heißt, der einzige Verantwortliche im Haus und – kleiner Nebeneffekt – 24 Stunden lang für sein Kind da zu sein. Das helfe dabei, ein realistisches Bild vom Zusammenleben mit dem Nachwuchs zu bekommen und dieses besondere Radarsystem zu entwickeln, das Mütter angeblich von Beginn an haben. Familientherapeut Juul nennt das „durch dick und dünn gehen“.

Er meint das wörtlich: Väter müssten mit ihren Kindern durch Konflikte, Schmerzen, Krankheiten gehen, aber ebenso freudige Ereignisse teilen, Erfolge miterleben, mit ihnen spielen und herumtollen, um eine Bindung aufzubauen.

Jesper Juul

„Du musst bereit sein, dich mit Haut und Haar zu öffnen, mit Herz und Verstand dabei zu sein, um dem Kind das geben zu können, was es braucht“

Authentisch sein

Wichtiger sei aber sogar noch, seinem Kind Zugang zu sich selbst zu ermöglichen und es spüren zu lassen, wer man überhaupt sei. Oder anders gesagt: authentisch zu sein. Dabei kann man sich an seinen Kindern orientieren: Sie spielen – zumindest zwischenmenschlich – keine Spiele und zeigen ihre Emotionen noch vollkommen unverstellt. Genau damit aktivieren sie ja auch die Emotionen ihrer Eltern und wecken Gefühle in ihnen, die diese bis dahin vielleicht nicht gekannt haben. Authentisch zu sein bedeutet laut Jesper Juul, Gedanken, Gefühle und Werte auszudrücken, die mit einem selbst übereinstimmen.

„Wenn du als Vater authentisch werden willst“, rät Juul, „ist das Beste, was du tun kannst, wahrzunehmen, wie dein Kind auf dich reagiert, um dann diese Reaktionen in liebevolles Verhalten und kooperative Botschaften zu übersetzen.“

Fehler machen und sich weiterentwickeln

Diese Übersetzungsarbeit ist natürlich nicht einfach. Sie wird von Fehlern gezeichnet sein. Doch solange Papa diese auf sich nimmt und nicht das Kind dafür verantwortlich macht, wird es jeden einzelnen Fehler verzeihen, so Juul. Ja, es wird sogar die Echtheit, die Papa an den Tag legt, schätzen.

Kein Mann ist als Vater vom Himmel gefallen. Und es ist sogar in Ordnung, sagt Juul, zunächst als Amateur aufzutreten. Wer eine authentische Beziehung zu seinen Kindern eingeht, wird von ihnen geradezu genötigt, als menschliches Wesen zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. Die treibende Kraft bei alledem sind schließlich die Kinder: Durch ihre bedingungslose Liebe machen sie Männer erst zu Vätern.

Väter sind wichtige Spielgefährten

Auch die Wissenschaft erforscht zunehmend die Bedeutung des Vater-Seins. Die Universität Wien führt seit fünf Jahren gemeinsam mit anderen Hochschulen ein groß angelegtes Forschungsprojekt durch. Entwicklungspsychologe Felix Deichmann, selbst dreifacher Vater, ist Teil des Teams.

Er weiß: Vater zu werden ist eine große Herausforderung, vor allem, seit die traditionellen Rollenbilder immer mehr verschwimmen. Männer gehen mit diesem Thema sehr unterschiedlich um. Es gibt laut Deichmann allerdings immer mehr Väter, die sich in den Familien- und Erziehungsprozess integrieren wollen. Gut so, sagt er, denn Väter haben großen Einfluss auf die Emotionsregulation ihrer Kinder. „Unsere Stressforschung hat gezeigt, dass Väter hier eine sehr wichtige Funktion innehaben, da sie häufig auch als Spielgefährten fungieren“, sagt der Psychologe. „Sie sind diejenigen, die intensiver und wilder mit den Kindern herumtoben, was eine sehr positive Wirkung hat.“

Bei der Zeit geht es um Qualität

Wie viel Zeit Väter ihren Kindern widmen, unterscheidet sich jedoch im Vergleich zu den Müttern immer noch stark. Grund dafür ist mitunter, dass die Männer in den meisten Familien nach wie vor Haupternährer sind. „Es passiert zwar zunehmend, dass sie Stunden reduzieren können, aber hier müssen die Unternehmen noch weiter aufbrechen“, sagt Deichmann. Wobei: Es kommt nicht nur auf die Quantität an, sondern auch auf die Qualität der gemeinsam verbrachten Zeit. „Vätern, die viel arbeiten, kann man erfahrungsgemäß zugutehalten, dass sie insbesondere am Wochenende sehr viel Zeit mit ihren Familien verbringen“, weiß Deichmann. Dieses qualitative „Aufholen“ sei ein wirkungsvoller Kompensationsmechanismus.

Trotzdem kämpfen Väter in der Erziehung oft damit, zu den Müttern aufzuschließen. Wenn sie mit ihren Kindern allein sind, können viele Männer gut und authentisch mit ihnen umgehen. Probleme würden häufig in der Dreierkonstellation Vater-Mutter-Kind auftreten. „Nämlich dann, wenn die Erziehungsprinzipien beider Eltern noch nicht miteinander synchronisiert sind“, sagt Deichmann. Um die Spannungen zu beseitigen, hilft ein altbewährtes Mittel: miteinander reden.

Vater-Sein als positive Ressource

Die Angst vor der bevorstehenden Veränderung setzt oft schon ein, wenn die Partnerin schwanger ist. „Wenn man von Beginn an dabei ist und das Vaterwerden als Bereicherung sieht, ist die Geburt des eigenen Kindes aber weniger ein Einschnitt, sondern vielmehr ein graduelles Übergehen in die Vaterschaft“, erzählt Deichmann von seinen eigenen Erfahrungen. Häufig wandelt sich diese Unsicherheit in der Zeit nach der Geburt in etwas Positives um. „Viele Väter gehen heute in ihrer Vaterrolle auf und entwickeln eine positive Beziehung zum Kind“, sagt Deichmann. „Das bringt viel Lebensfreude und stellt einen Ausgleich zu belastenden Arbeitssituationen dar.“ Dann wird das Vater-Sein sogar zur positiven Ressource.

BUCH TIPP Buchtipp: Jesper Juul: Mann & Vater sein (Herder Verlag)

Väter sind nicht die Assistenten der Mütter, sie haben ihre ganz eigene Verantwortung bei der Kindererziehung. In Jesper Juuls Buch erzählen Männer von ihren Erfahrungen mit der Vaterschaft und wie sie diese neue Verantwortung für sich gemeistert haben. Viele haben auf diese Weise ganz neue Kompetenzen für sich entdeckt. „Mann & Vater sein“ ist im Herder Verlag erschienen.

Zusammenfassung: Die neue Vaterrolle

  • Die moderne Vaterrolle hat sich erst ab den 1960er Jahren entwickelt: Heute ist der Vater nicht mehr das unerreichbare Familienoberhaupt, sondern kann Ernährer, Unterstützer, Förderer, bester Freund oder alles zusammen sein.
  • Ihre Rolle können Väter nur finden, wenn sie Zeit mit ihren Kindern verbringen. Und zwar allein. Nur dann können sie Intimität aufbauen und lernen, wie sie sich in welchen Situationen verhalten müssen.
  • Dabei ist es erlaubt, Fehler zu machen, denn niemand wurde als Vater geboren. Kinder werden die Authentizität schätzen und mit bedingungsloser Liebe belohnen.
  • Väter fungieren oftmals als Spielgefährten und nehmen so eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Kinder ein.
  • Wenn die Erziehungsmethoden von Mama und Papa konträr aufeinandertreffen, hilft nur eines: reden.
  • Für viele Väter ist die Zeit mit dem Kind heute vor allem eines: Ein Ausgleich zur oft stressigen Arbeitssituation.
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