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Die Kunst des Verzeihens

Vergeben statt grollen.

Home » Leben » Die Kunst des Verzeihens - 11.2017

Wer alten Groll nicht ruhen lassen kann, schadet vor allem sich selbst. Vergebung bietet die Chance für einen Neuanfang.

Wenn du denkst, du bist erleuchtet – geh deine Familie besuchen.“ So lautet ein bekanntes Zitat des spirituellen Lehrers Ram Dass. Unsere engsten Beziehungen sind unsere größten Herausforderungen. Und gerade rund um Weihnachten spüren wir manchmal besonders intensiv und schmerzlich die Kluft zwischen der Idylle, die wir uns wünschen, und unserer persönlichen Realität. In vielen Familien und Beziehungen laufen die Feiertage nicht so harmonisch ab wie erhofft, es gibt Spannungen, Konflikte und Kränkungen. Dabei werden oft alte Wunden berührt, die nicht verheilt sind, und wir reagieren hochemotional auf beiläufige Bemerkungen oder einen schiefen Blick. Das kann mit Vorhaltungen, Enttäuschung und Tränen enden. Fröhliche Weihnachten sehen anders aus.

Negative Gefühle binden uns

Damit Verletzungen heilen können und ein Neuanfang möglich wird, braucht es die Kunst des Verzeihens. Nicht die leichteste Übung – so viel ist klar. Vor allem, wenn es um mehr geht als einen vergessenen Geburtstag, eine zerbrochene Vase oder eine dumme Bemerkung. Wut und Kränkung sind wichtige Gefühle, die wir nicht ignorieren oder unterdrücken sollten. Denn sie beinhalten immer eine Botschaft für uns, beispielsweise „Meine Grenzen wurden verletzt“ oder „Das tut mir nicht gut“.

Aber wenn wir an altem Groll oder gar Rachefantasien festhalten und diese gedanklich immer wieder durchkauen, schaden wir uns selbst am allermeisten. „Unerledigtes“ wird tief in unserer Seele gespeichert und flammt bei nächster Gelegenheit schmerzlich wieder auf. Selbst wenn wir den Kontakt zu einem Menschen abgebrochen haben, binden uns Zorn und Bitterkeit auch weiterhin an ihn.

Die folgende kleine Geschichte verdeutlicht das sehr anschaulich:

Zwei Kriegsgefangene treffen einander nach Jahrzehnten wieder. „Hast du den Lagerkommandanten inzwischen vergeben?“, fragt der eine.

„Ja“, sagt der andere.

„Ich kann ihnen nicht vergeben, mich beherrscht immer noch ein mörderischer Zorn auf sie.“

„In dem Fall“, bemerkt der Freund, der vergeben konnte, „halten sie dich immer noch in Gefangenschaft.“

Vergeben, nicht vergessen

Vergebung heißt nicht, zu entschuldigen, was geschehen ist. Es bedeutet nur, dass wir eine Last loslassen, um freier und unbeschwerter in die Zukunft zu gehen. Der buddhistische Lehrer Jack Kornfield formuliert es so: „Verzeihen bedeutet, alle Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit aufzugeben.“

Was geschehen ist, können wir nicht mehr ändern. Das Beste, das wir für uns selbst und unsere Seelenruhe tun können, ist, es nicht länger innerlich festzuhalten.

Auch weil wir so die Opferrolle verlassen und wieder handlungsfähig werden. Wir kehren zurück in die Gegenwart, sorgen hier und jetzt gut für uns. Wir können aus dem, was geschehen ist, lernen und künftig vielleicht klarere Grenzen ziehen oder Bedürfnisse aussprechen. Letztlich zeigen wir damit keine Schwäche, sondern große Stärke und Mut.

Dennoch ist Vergebung nichts, was wir erzwingen können. Loslassen ist ein Prozess, der Zeit braucht. Und er beginnt damit, zunächst alle Gefühle, die da sind, wahr- und anzunehmen. Gerade Frauen sind oft sehr schnell damit, Wut hinunterzuschlucken, verständnisvoll zu sein und zu verzeihen. Wenn wir unseren Schmerz aber nicht würdigen, wird er im Unterbewussten weiterschwelen und vielleicht an anderer Stelle zur Explosion führen. Versöhnung beginnt häufig auf der geistigen Ebene – indem wir einen Schritt zurücktreten und erkennen, dass sie besser für uns ist, als weiterhin an destruktiven Gefühlen kleben zu bleiben. Nach und nach, mit viel Geduld und Verständnis für uns selbst, darf diese Erkenntnis dann hineinsinken in unser Herz und somit Heilung ermöglichen.

Mitgefühl und Respekt füreinander

Wenn wir etwas Abstand gewonnen haben, können wir auch versuchen, die Gefühle und Beweggründe des anderen zu verstehen. Beziehungen laufen niemals ohne Schmerzen ab. Wir alle kränken, enttäuschen und verletzen andere. Keiner von uns ist perfekt, weshalb wir alle Nachsicht mit unserem Gegenüber haben sollten. Manchmal finden wir sogar den Mut, unsere Verletzlichkeit einzugestehen und nachzufragen: „Mir tut weh, was du gesagt/getan hast. Ich verstehe nicht, warum – bitte erkläre es mir.“

Selbst wenn wir es nicht immer schaffen, alle Gründe nachzuvollziehen, können wir dem anderen etwas Mitgefühl und Respekt für seine Gefühle, Sichtweisen und Bedürfnisse entgegenbringen. Dann gibt es eine Chance auf einen neuen Anfang miteinander.

Manchmal sind Beziehungen nicht zu retten – und auch das ist in Ordnung. Vergebung bedeutet nicht, dass man seine Grenzen aufgeben oder an der falschen Stelle „Ja“ statt „Nein“ sagen soll. Dies gilt natürlich ganz besonders, wenn es um physische oder psychische Gewalt geht.

Uns selbst verzeihen

Eine Person, bei der wir uns mit der Nachsicht oft besonders schwertun, sind wir selbst. Häufig sind wir sehr streng im Umgang mit unseren Fehlern und können nur schwer akzeptieren, dass auch wir andere verletzen und unvollkommen sind. Wut und Groll gegen uns selbst zu richten macht uns aber nicht nur unglücklich, sondern auch krank. Denn unser Körper kann nicht unterscheiden, ob es sich um einen äußeren oder inneren Angreifer handelt. In beiden Fällen reagiert er mit Stress, Anspannung und Angst. Innere Kämpfe sorgen dann auch für Konflikte mit unserem Umfeld.

Wir sollten also zunächst den Krieg gegen uns selbst beenden, damit mehr Frieden entstehen kann. Dann stehen die Chancen deutlich besser, dass es schöne, harmonische Feiertage werden.

So gelingt Verzeihen

Wenn Sie Vorwürfe innerlich immer wieder durchkauen, kann es hilfreich sein, sich alles von der Seele zu schreiben. Verfassen Sie einen Brief an die betroffene Person, in dem Sie alles, was Sie bewegt, unzensiert aufs Blatt bringen. Schicken Sie ihn nicht ab, sondern vernichten Sie ihn im Rahmen eines bewussten Loslass-­Rituals, indem Sie ihn verbrennen und die Asche einem Bach oder Fluss übergeben. Treffen Sie bewusst die Entscheidung, diese Last jetzt loszulassen.

Seien Sie geduldig mit sich selbst: Verzeihen ist eine Fähigkeit, die geübt werden will. Beginnen Sie nicht gleich bei den schwierigsten Menschen und den größten Verletzungen. Üben Sie mit der unfreundlichen Kellnerin, dem schlechtgelaunten Kollegen und dem Parkplatz-Dieb. Wenn Sie dabei die Erfahrung machen, dass Vergebung sich besser anfühlt als Groll, dann fällt Ihnen das in Zukunft leichter.

Es gibt verschiedene Ansätze, Strategien und Rituale rund um das Thema Vergebung, die sich für viele Menschen als hilfreich erwiesen haben. Dazu gehören das hawaiianische Vergebungsritual Ho’oponopono, „The Work“ von Byron Katie oder „Radikale (Selbst-)Vergebung“ von Colin C. Tipping. Es gibt dazu eine Reihe von Büchern und Anleitungen. Ausprobieren lohnt sich!

Wenn Sie ein Konflikt oder eine Verletzung erschüttert hat, scheuen Sie sich nicht, professionelle Unterstützung zu suchen.

Buchtipps zum Thema

  • Gerald G. Jampolsky – Verzeihen ist die größte Heilung
    „Bestsellerautor Dr.med. Gerald G. Jampolsky zeigt, wie wir unseren seelischen Schutzwall aus verdrängter Wut, aufgestautem Ärger und emotionaler Verhärtung aufgeben und wirklich verzeihen können – uns selbst und unseren Mitmenschen.“
  • Svenja Flaßpöhler – Verzeihen: Vom Umgang mit Schuld
    „Ausgehend von eigenen Erfahrungen ergründet die Philosophin Svenja Flaßpöhler, unter welchen Bedingungen ein Schuldenschnitt im moralischen Sinne gelingen kann. Sie spricht mit Menschen, denen sich angesichts schwerster Schuld die Frage des Verzeihens in aller Dringlichkeit stellt, und sucht nach Antworten in der Philosophie.“
  • Müller-Lissner, Adelheid – Verzeihen können – sich selbst und anderen. Ein Schlüssel zu mehr Lebensglück
    „Eindringlich werden die Chancen des Verzeihens beleuchtet – aber auch dessen Grenzen benannt. Beiträge von Wissenschaftlern, Therapeuten und Künstlern ergänzen die persönlichen Erfahrungen. Dieses Buch ist ein kluger und einfühlsamer Lebensbegleiter.“

 

Zusammenfassung

  •  „Unerledigtes“, alte Kränkungen und Verletzungen sind tief gespeichert und können schnell wieder aufflammen.
  • Vergeben heißt loszulassen, nicht zu entschuldigen, was passiert ist.
  • So verlassen wir die Opferrolle und werden wieder handlungsfähig.
  • Wir können aus Geschehenen lernen und die Gegenwart besser gestalten.
  • Dabei hilft es, Abstand zum Geschehenen zu gewinnen, sich Zeit zu lassen und zu erkennen, dass Versöhnung besser ist als destruktive Gefühle.
  • Wer anderen Mitgefühl und Verständnis für ihre Motive entgegenbringt, macht einen Neuanfang leichter.
  • Der wichtigste Schritt: Sich selbst verzeihen. Sich einzugestehen, dass auch man selbst nicht vollkommen ist, wirkt heilend.
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