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Können Sie vertrauen?

Vertrauen ist wichtig fürs Zusammenleben. Und man kann es lernen.

Home » Leben » Können Sie vertrauen? - 04.2017

Wir schenken es nur mit Bedacht. Manchmal bereuen wir es. Aber viel öfter werden wir belohnt. Vertrauen ist der zarte Stoff, aus dem das gute Leben ist.

Achtung, ein unbekannter Mensch befindet sich in der Nähe. Prüfprogramm starten. Beobachtungsphase beginnen: Wie verhält sich der Fremde? Er lächelt und nickt oft. Hat eine aufrechte Körperhaltung, wirkt aufgeschlossen und selbstbewusst. Andere scheinen gut mit ihm klarzukommen. Beobachtungsphase abschließen. Zweite Phase starten: Informationen bei anderen Menschen einholen. Abklären, wer die unbekannte Person ist. Woher sie kommt. Und was sie wollen könnte. Dritte Phase starten: bisherige Erfahrungen abrufen. Man vertraut seinen Mitmenschen oft zu schnell, manchmal auch blind und wurde mehrmals enttäuscht. Abschließendes Fazit: Der Unbekannte scheint sympathisch zu sein. Offenbar stellt er keine Gefahr dar. Zumindest keine unmittelbare. Vermutlich wird man sich gut mit ihm verstehen. Und man kann ihm wohl vertrauen. Trotzdem: vorsichtig sein. Prüfprogramm beenden.

Der erste Eindruck zählt

Ungefähr so ein Prüfprogramm läuft in unserem Gehirn ab, wenn wir jemandem zum ersten Mal begegnen. Ganz automatisch. Und schon nach der Beobachtungsphase entscheiden wir darüber, ob wir einem Menschen vertrauen können oder nicht. Nur 20 Sekunden dauert das. Wir müssen mit der uns unbekannten Person also nicht einmal reden.

Wir müssen nicht wissen, wer sie ist und was sie will. Wir müssen sie nur dabei beobachten, wie sie mit anderen interagiert. Und darauf achten, was Gestik und Mimik über sie verraten. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität von Kalifornien in Berkeley.

Der erste Eindruck ist entscheidend. Aber nicht nur. So einfach ist das Vertrauen nicht gestrickt. Es ist ein kompliziertes Konstrukt, das im Laufe des Lebens aus vielen Erfahrungen entsteht. Von denen hängt es ab, ob das Konstrukt stabil oder fragil ist. Je öfter andere unser Vertrauen missbraucht haben, desto penibler arbeitet das Prüfprogramm. Und desto höher und dicker ist die Mauer aus Misstrauen, die wir aufbauen, um uns selbst zu schützen. Aber Sorgen machen wir uns meistens unnötig.

Mahatma Gandhi, Anwalt, Widerstandskämpfer, Revolutionär, Asket und Pazifist

„Misstrauen ist ein Zeichen der Schwäche.“

 

Frühe Prägung

In den Fünfzigern führte der Kinderpsychologe Erik H. Erikson, ein Schüler Sigmund Freuds, das Konzept des Urvertrauens ein. Demnach bekommt der Säugling während des ersten Lebensjahres ein Grundgefühl dafür, welchen Menschen und Situationen er vertrauen kann. Und welchen eben nicht. Entwicklungspsychologen sind auch heute noch davon überzeugt, dass die Vertrauensbasis sehr früh gelegt wird.

Wenn Eltern für ihre Kinder da sind, sie liebevoll umsorgen, ihnen Zuwendung, Liebe und Geborgenheit geben. Wenn sie die Kleinen trösten und ermutigen, ihnen etwas zutrauen, sie schrittweise an neue Aufgaben heranführen und sie nicht überfordern. Dann können ihre Kinder vertrauen. Nicht nur anderen, sondern vor allem sich selbst. Das ist nicht egoistisch, das ist entscheidend. Sind wir uns gegenüber zu kritisch, sind wir es anderen gegenüber erst recht.

Dass man irgendwann schlechte Erfahrungen macht, lässt sich im Leben kaum vermeiden. Der eine mehr, der andere weniger. Wir können von Eltern oder Freunden, Schul- oder Arbeitskollegen, von der vermeintlich großen Liebe oder auch einem Fremden enttäuscht werden. Vernachlässigung, Überforderung, Mobbing, Unzuverlässigkeit, Lügen, Betrug. All das kann unserem Vertrauen ziemlich zusetzen. Für das Misstrauen ist das wie Dünger. Es wächst, immerhin soll es uns vor Enttäuschungen schützen. Und es macht seinen Job ganz gut. Wenn wir niemanden an uns heranlassen, kann uns niemand wehtun.

Das Problem: Wenn wir allen misstrauen, kann uns auch niemand davon überzeugen, dass wir ihm Unrecht tun. Finden wir keinen Weg, anderen wieder zu vertrauen, stehen wir irgendwann allein da. Einsam. Denn ohne Vertrauen entstehen keine neuen Beziehungen. Und bestehende werden belastet. Dabei ist der Mensch offenbar besser, als er uns derzeit glauben macht.

„Wir haben herausgefunden, dass weit mehr als 80 Prozent der Bevölkerung absolut vertrauenswürdig sind“, sagt David Dunning, Sozialpsychologe an der Cornell University in New York. „Wir haben das in den USA untersucht, in den Niederlanden, in Deutschland – die Ergebnisse waren überall gleich.“

Misstrauen ist ein Fehler

Wir sind also zu misstrauisch. Wir unterschätzen, wie oft andere Menschen hilfsbereit sind. Und wir überschätzen ihre Selbstsucht. Dunning und Detlef Fetchenhauer von der Universität Köln haben dafür eine Erklärung. Sie meinen, es liege gar nicht so sehr daran, dass wir unsere Erfahrungen mit anderen falsch beurteilen. Das Leben informiert uns nur nicht ausgewogen. Wir bekommen es meistens gar nicht mit, wenn wir jemandem zu Unrecht misstrauen. Vertrauen ist also ein soziales Kapital, das wir mit durchaus geringem Risiko in andere Menschen investieren können. Auch in unbekannte.

Ja, werden da jetzt einige denken, das sagt sich so leicht. Es ist jedesmal ein Risiko. Sicher. Aber es lohnt sich. Sich auf jemanden verlassen zu können macht das Leben leichter. Es hilft uns, wenn das Kind bei der Nach­barin oder der Partner abends alleine unterwegs ist.

Wenn wir der Freundin ein Geheimnis verraten, der Kollege seine Unterstützung anbietet oder wir uns neuen Herausforderung stellen müssen. Vertrauen wir uns und anderen, machen wir uns nicht ständig verrückt.

Spielen Sie Vertrauen: Augen verbinden und dann: zurückfallen lassen; an vier Schnüren dirigiert werden; eine von anderen hochgehaltene Decke durchbrechen.

Die Rolle der Hormone

Es sei ganz einfach, jemandem zu vertrauen, behauptet eine US-Firma. Sie füllt das Treue-Hormon Oxytocin ab und verkauft es als Körperspray. Liquid Trust nennt sich das Produkt, und es könnte durchaus wirken. Markus Heinrichs von der Universität Zürich verabreichte seinen Probanden Oxytocin. Danach haben sie anderen Menschen tatsächlich mehr vertraut. Testosteron schützt uns übrigens vor übertriebenem Vertrauen.

So einfach ist es nicht. Oxytocin mag das Vertrauen fördern, es ist aber kein Allheilmittel. Misstrauen kann schon auch berechtigt sein. Aufgeschlossenheit ist gut, in einer Überdosis ist es dann eher naiv. Zum Beispiel, wenn sich jemand nicht an Abmachungen hält, unzuverlässig, egoistisch und hinterlistig ist. Wenn er keine Kompromisse eingehen kann, wichtige Informationen verschweigt, lügt und betrügt. Es hat keinen Sinn, so zu tun, als bestünde die Welt aus Engeln.

Eine tschechische Studie zeigt übrigens: Wir vertrauen eher braun- als blauäugigen Menschen. Es sei denn, die Blauäugigen haben breite Gesichter. Kontaktlinsen könnten also auch eine Lösung sein. Aber eigentlich ist alles viel einfacher. Denn Vertrauen folgt einigen Regeln.

8 Schritte zum Vertrauen

1. miteinander reden. Tauschen wir uns mit einem Menschen regelmäßig aus, lernen wir ihn besser kennen. Wir beginnen, ihn zu verstehen. Wir zeigen mehr Verständnis. Das fördert das Vertrauen.

2. authentisch und ehrlich sein. Lügen wecken das Misstrauen. Manchmal ist es vielleicht besser, nicht die ganze Wahrheit zu sagen. Und nicht jeder muss alles wissen. Aber ohne Ehrlichkeit ist Vertrauen nur die Hälfte wert.

3. offen und aufgeschlossen sein. Die aller­wenigsten Menschen wollen einem etwas Böses. Man kann also das Risiko eingehen und ihnen einen Vertrauensvorschuss gewähren.

4. verlässlich sein. Wenn man etwas verspricht oder etwas vereinbart, hält man es auch ein. Die Ausrede, die das Vertrauen nicht verletzt, gibt es nicht.

5. Gemeinsamkeiten finden. Eine Studie aus den Sechzigerjahren zeigt, dass man Menschen, mit denen man etwas gemein hat, mehr vertraut.

6. Selbstvertrauen aufbauen. Selbstsichere Menschen sind auch anderen gegenüber nicht so misstrauisch.

7. realistisch bleiben. Schlechte Erfahrungen können, müssen sich aber nicht wiederholen. Mit der Vergangenheit abschließen und positiv in die Zukunft blicken.

8. sich Zeit lassen. Vertrauen entsteht nicht von einer Minute auf die nächste. Langsam und Schritt für Schritt bauen wir das Konstrukt auf. Und es wird mit jeder positiven Erfahrung stabiler. Aber die können wir nur machen, wenn wir uns trauen, anderen zu vertrauen.

Vier Vertrauenssprüche

 

Vertrauen zum Ausdrucken

Vier schöne Sprüche über das Vertrauen zum Herunterladen, Ausdrucken, Anschauen, Aufhängen oder Verschenken.

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