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Keine Angst vorm Älterwerden

Gut gereift.

Home » Leben » Keine Angst vorm Älterwerden - 06.2018

Jünger werden wir alle nicht. Aber wie geht das überhaupt: Älter werden? Rezept gibt es keines, aber Hilfestellungen.

Als Kind kann man es manchmal kaum erwarten, endlich erwachsen zu sein. Ist es dann so weit, wünscht man sich oft die unbeschwerteren Tage zurück, besonders dann, wenn einen der Alltag auffrisst, sich Beziehungen verkomplizieren oder die Berufswelt überfordert. Oder wenn man erste graue Haare entdeckt und der Körper sich immer häufiger mit Beschwerden meldet. Irgendwann nisten sich dann Grübeleien in der Gedankenwelt ein: Ist mein halbes Leben schon vorbei? Wie wird das später sein, wenn ich krank und gebrechlich, vielleicht sogar einsam bin?

Ein erfülltes Leben

Fest steht: Älter werden wir alle. Aber es geht nicht um Daten und Zahlen, es geht um ein erfülltes Leben. Das kann für jeden etwas anderes bedeuten. Entscheidend ist die Einstellung, die wir zu uns selbst und zu unseren Mitmenschen haben. Denn jede Lebensphase ist gleich wertvoll. Im Idealfall lebt man im Heute so, dass man auch in späteren Jahren noch Gewinn davon hat.

Das ist zumindest der Plan des Psychotherapeuten Uwe Böschemeyer. In seinem mit Augenzwinkern verfassten Ratgeber „Wie Sie beim Altern ganz sicher scheitern“ (Verlag: Ecowin) bringt er es auf den Punkt: „Nicht die Menschen an sich, nicht die Dinge an sich, nicht die Umstände und gesellschaftlichen Verhältnisse an sich, nicht die Feste des Lebens an sich füllen unser Dasein aus, auch nicht das Alter an sich, sondern die von dem Wunsch geleitete Einstellung, all dies hier und heute zum Schatz werden zu lassen.“

Wer sich für das, was er im Leben findet, öffnet, hat schon gewonnen. Werte können dabei eine fruchtbare Grundlage bieten. Sie sind altersunabhängig. Und je länger sie gelebt werden, umso nachhaltiger wirken sie. Wer geduldig ist, lebt in der Zeit. Er wünscht sich nicht in die Vergangenheit zurück und schaut der Zukunft hoffnungsvoll entgegen. Wer liebt, steht dem Leben prinzipiell positiver gegenüber. Wer wahrhaftig ist und weder sich selbst noch anderen etwas vormacht, ist mit sich eins.

Wer nach den tieferen Zusammenhängen fragt, lässt sich nicht so leicht von Kleinigkeiten irritieren. Wer anderen und sich selbst vertraut, hat nicht das Bedrückende, sondern das Mögliche im Blick. Wer in seinem Leben Verantwortung übernimmt, ist befreit davon, um das zu kreisen, was er nicht hat oder kann. „Wer im Rahmen seiner Möglichkeiten frei ist“, sagt Böschemeyer, „lebt das Beste aus sich heraus. Er entscheidet selbst. Er bestimmt die Richtung, in die er leben möchte.“

Vertrauen ins eigene Leben haben

Wie kann das nun gelingen? Den Übergang zum Altwerden so zu meistern, dass das Leben bis zum Ende hin erfüllt bleibt? Zuerst einmal, sagt der Autor, müsse man Ja zum Leben sagen. Damit meint er die Bereitschaft, immer wieder selbst der Entscheidende im eigenen Leben zu sein. Und zwar unabhängig davon, welchen Beruf, welchen Status, welchen Besitz man hat oder hatte. Es geht auch darum, seinen eigenen Weg zu gehen – egal, was die anderen denken.

Dazu ist es nötig, sich selbst kennenzulernen, bewusst zu leben und nicht einfach nur zu versuchen, Erwartungen gerecht zu werden. Vertrauen ins Leben zu haben bedeutet, davon überzeugt zu sein, dass das Leben sinnvoll bleiben kann, egal, was kommt. Und dazu gehöre auch, so Uwe Böschemeyer, die eher dunklen Gedanken zu vertreiben. Das heißt aber nicht, Themen wie Krankheit, Einsamkeit oder Tod komplett aus dem Denkhorizont auszuschließen. Ängste und Sorgen gehören als Herausforderungen zum Leben.

Aber es soll gelingen, eine „bekömmliche Einstellung“ dazu zu finden. Man soll ihnen gar nicht ausweichen, sie jedoch in Grenzen halten. Dabei hilft es, sich auf das Positive im Leben zu konzentrieren, zum Beispiel auf Momente mit den Enkelkindern oder den Zusammenhalt in der Familie.

Das körperliche Altern bedeutet zwar in vielerlei Hinsicht einen langsamen Abbau. Geistig allerdings muss Altern nicht immer mit Wenigerwerden gleichzusetzen sein. Es kann eine fortlaufende Weiterentwicklung, ein Wachsen, ein Wandeln, ein Erkennen sein. „Mein Geist altert auf seine eigene, ganz besondere Art. Er wird weiter, weiser, tiefer, großzügiger, ja, und lebendiger“, schreibt Böschemeyer, selbst Jahrgang 1939, in seinem Buch. „Ich wünsche mich nicht in frühere Zeiten zurück, weil ich heute meinem Leben viel näher bin als früher.“

Das Innere weiterfließen lassen

In jüngeren Jahren scheint sich der Sinn des Lebens vor allem durch Beruf und Erfolg auszudrücken. Aber der Wert eines Menschen hängt nicht nur davon ab, was er tut und leistet, so der Psychotherapeut. Sondern auch davon, ob er für andere Menschen offen ist, Fragen ans Leben stellt, Menschlichkeit lebt. Viele Menschen würden gegen Ende ihres Lebens bedauern, sich zu wenig Zeit für das Wesentliche genommen zu haben. Das kann für jeden etwas anderes bedeuten, zum Beispiel Gespräche, Erlebnisse oder Erfahrungen, die Gefühlszustände wie Geborgenheit verschaffen.

Böschemeyer empfiehlt, sich auf neue Erfahrungen und ein damit einhergehendes neues Lebensgefühl einzulassen, um auch dem letzten Lebensabschnitt Sinn zu geben. Beim Übergang zum Älterwerden gehe es darum, die verbliebenen, die veränderten und die neuen Möglichkeiten zu verbinden. Das, was kommt, soll in all seinen Facetten angenommen und gelebt werden – machen, und nicht mit sich machen lassen.

Auch Versöhnung sei eine zentrale Voraussetzung für einen entspannten Weg ins Alter. Sie schaffe der Seele Frieden. Das sei eine schwierige Aufgabe, aber nur wer mit Verletzendem in der Vergangenheit abschließe, sei frei für das Hier und Jetzt. „Wenn ich mich mit meinem vergangenen Leben aussöhne, dann versöhne ich mich mit mir selbst“, schreibt Böschemeyer. „Dann zeigen sich im Lauf des weiteren Lebens weit weniger Stauungen, dann fließt mein inneres Leben weiter. Dann reife ich mit Würde.“

Was bleibt, ist die Liebe

Die wichtigsten Zutaten für ein gelungenes Altern sind jedoch Liebe und Humor. Wer über sich selber lachen kann, lässt das Unvollkommene in sich zu. „Er ahnt oder weiß etwas von der Begrenztheit und Vorläufigkeit des Lebens und bejaht sie“, drückt es Böschemeyer aus. Die Liebe bleibt ohnehin immer die große Hoffnung für den Menschen. Und zwar nicht nur der Wunsch, geliebt zu werden, sondern auch die Fähigkeit, selbst zu lieben. Die Erinnerung an schöne Stunden mit lieben Menschen und die Dankbarkeit, überhaupt Liebe erfahren zu haben, helfen auch dann, wenn nicht mehr viel da ist. Die Liebe bleibt immer.

Buchtipps

BUCH TIPP Buchtipp: „Zehn Dinge, die ich von alten Menschen über das Leben lernte“

Sonja Schiff ist Alterswissenschaftlerin und Altenpflegeexpertin. Auf ihrem Blog www.vielfalten.com schreibt sie über das Älterwerden. In „Zehn Dinge, die ich von alten Menschen über das Leben lernte“ berichtet sie über den Schatz an Lebenserfahrung und Weisheit, den alte Menschen besitzen. (Verlag Edition a)

BUCH TIPP Buchtipp: „Man braucht ein ganzes Leben, um jung zu werden“

In „Man braucht ein ganzes Leben, um jung zu werden“ erzählt Ursula Gräfe anhand von Lebensbiografien von der Vielfalt und dem Reichtum der besten Jahre sowie über das schöpferische Potenzial des Alters. Aber auch philosophische Überlegungen legen nahe, dass Altern nicht nur Älterwerden, sondern immer und überall auch Erneuerung und Entwicklung bedeutet. (Verlag Suhrkamp/Insel)

BUCH TIPP Buchtipp: „hochbetagt“

Es gibt viele wissenschaftliche Befunde und Ratgeber zum Thema Altern. Selten wird aber jenen eine Stimme gegeben, die es betrifft. Das Wiener Herausgeber-Paar Günther Brandstetter und Marietta Mühlfellner hat sich 15 individueller Lebensgeschichten angenommen. In ihrem Buch „hochbetagt“ werden Menschen porträtiert, die überdurchschnittlich alt sind. (Verlag Anton Pustet)

Zusammenfassung: Gut altern

  • Abschnitte schätzen:
    Wenn es um das erfüllte Altern geht, ist die Einsicht, dass jede Lebensphase wertvoll ist, der erste Schritt in die richtige Richtung.
  • Hier und Jetzt:
    Im Hier und Jetzt leben, die Augenblicke und Momente genießen und das Beste aus jeder Situation rausholen. Ist nicht immer ganz einfach, hilft aber ungemein!
  • Werte leben:
    Werte sind altersunabhängig und helfen uns dabei, mit Würde, Lebenslust und Vertrauen älter zu werden.
  • Seinen Weg gehen:
    Das machen, was man selbst für richtig hält, den eigenen Weg finden und gehen, egal was die Anderen sagen. Denn wenn man den Weg, den man genommen hat, gut findet, lässt es sich besser altern!
  • Sich frei machen:
    Sich frei machen von Vergangenem, von Dingen, die sich nicht mehr ändern lassen, lässt uns entspannt ins Alter spazieren.
  • Lieben und lachen:
    Der Weg ins Alter soll mit Liebe zum eigenen Selbst und Humor gepflastert sein, dann ist alles nur noch halb so schlimm.
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