Sprechen oder Schweigen? So läuft Sprachentwicklung

Reden ist Silber, aber Schweigen nicht immer Gold. Was tun, wenn Ihr Kind noch nicht spricht?

Die ersten Worte sind etwas ganz Besonderes. Doch was tun, wenn mein Kind mit eineinhalb bis zwei Jahren noch nicht spricht? Wir haben eine Expertin befragt.

Eines vorab: Wie die gesamte Entwicklung bei Kindern, verläuft auch die Sprachentwicklung bei den Kleinen ganz individuell. Generell kann man aber sagen: Die meisten Kinder sprechen ihre ersten Wörter mit ungefähr einem Jahr. Ist es Mama oder Papa - oder etwa ganz etwas Anderes? Die ersten Wörter bezeichnen oft eine Bezugsperson des Kindes wie eben die Mama, den Papa, Oma oder Opa - oder einen Gegenstand, der für das Kind sehr interessant ist, etwa Auto oder Ball, - oder eine Tätigkeit, die das Kind immer wieder ausführt. Etwa "weg", wenn es sich versteckt, oder "da", wenn es auf etwas deutet.

Auch wenn sie aktiv noch nicht viel sprechen, verstehen Kinder im Alter von zehn bis 14 Monate aber bereits mehr Wörter als sie sprechen und können auch kleinere Aufträge befolgen.

Wort-Akrobaten

Einige Monate bleibt es bei wenigen Wörtern, aber mit zirka eineinhalb Jahren kommt es zu einer raschen Zunahme des Wortschatzes und zur Kombination von Wörtern zu Zwei-Wort-Sätzen. Kleine Kinder benennen das, was sie in ihrem Umfeld sehen und womit sie Erfahrung machen. Sie bezeichnen Gegenstände, Personen, Tiere Körperteile, Essen, Getränke, Kleidungsstücke, etc. Sie beginnen aber auch über das zu sprechen, was sie interessiert – Handlungen und Tätigkeiten - auf(machen), zu(machen), gehen, essen, laufen, schlafen, kochen, geben,…). Zeitgleich werden auch Eigenschaften benannt - klein, groß, heiß, kalt, kaputt. Auch viele „kleine“ Wörter wie da, auf, ab, weg und die finden sich in der Sprache der Kinder.

Mit 24 Monaten sollten Kinder mindestens 50 Wörter sprechen und kleine Sätze bilden, indem sie kombinieren. Diese Wortkombinationen bestehen meist aus zwei Wörtern (da Puppe, Auto kaputt, Katze rein,…). Nach und nach werden diese Sätze immer länger und die Grammatik verbessert sich. Sie lernen, die Mehrzahl zu bilden, Verben an die zweite Position im Hauptsatz zu platzieren und mit der korrekten Endung zu versehen, Artikel einzusetzen und die verschieden Fälle zu gebrauchen. Das Tempo des Grammatikerwerbs kann sehr unterschiedlich sein.

Kinder ab 3 Jahren haben rund tausend Wörter in ihrem aktiven Wortschatz, erzählen über ihre Aktivitäten und bilden einfache Sätze korrekt.

Wort-Verweigerer

Was aber, wenn bei Kindern das Sprechen ausbleibt? Logopädin und Lehrende an der FH für Gesundheitsberufe in Oberösterreich, Elisabeth Haider im Interview:

Ab wann müssen sich Eltern Sorgen machen?

Kinder lernen das Sprechen unterschiedlich schnell. Im Laufe des zweiten Jahres sollte das Kind anfangen, erste Wörter zu sprechen und um den zweiten Geburtstag mindestens 50 Wörter sprechen und Wortkombinationen bilden. Rund 15 Prozent der Zweijährigen erreichen diese Wortgrenze nicht, diese werden als „Late Talker“ bezeichnet.

Ungefähr die Hälfte dieser Kinder holen den Rückstand bis zum dritten Geburtstag auf, diese werden als „Late Bloomer“ bezeichnet. Dieses Aufholen gelingt aber oft nur scheinbar, sie zeigen zwar mit drei Jahren eine altersgemäße sprachliche Entwicklung, werden aber im Vorschulalter wieder auffällig. Für alle „Late Talker“ ist eine Förderung der Sprache von großer Bedeutung, damit es im Alter von drei Jahren nicht zu Problemen beim Erlernen der Grammatik (Verdrehen von Sätzen, fehlende Wortendungen, …) kommt. Bei Unsicherheiten und Sorgen betreffend Sprachentwicklung sprechen Sie mit Ihrem Kinderarzt und Logopädin, die sich auf die Behandlung von Kindern spezialisiert hat.

Gibt es schon im frühen Alter Faktoren, die auf eine eventuelle Sprachstörung hinweisen?

Jedes Kind hat beim Spracherwerb sein individuelles Tempo. Handlungsbedarf besteht jedenfalls, wenn

  • Kinder zwischen null und sechs Monaten wenig Interesse an ihrer Umwelt zeigen und nicht lallen.
  • sie um den ersten Geburtstag häufig gebrauchte Wörter nicht verstehen
  • Kinder im Alter von 15 Monaten noch keine Wörter sprechen
  • der Wortschatz zwischen eineinhalb und zwei Jahren nur sehr langsam wächst und das Kind nicht auf von Erwachsenen benannte Gegenstände zeigt
  • Kinder um den zweiten Geburtstag weniger als 50 Wörter sprechen und keine 2-Wort-Sätze produzieren oder aggressives Verhalten aufgrund der Kommunikationsnot zeigen
  • sie ab 3 Jahren das Verb immer noch am Satzende platzieren (Kuchen backen) , einfache Wo-, Was-, Warum-Fragen nicht beantworten und auch keine Fragen stellen.

Werden diese Hinweise auf eine Verzögerung bzw. Abweichung von der normalen Sprachentwicklung beobachtet, soll unbedingt eine differenzierte Abklärung durch eine Logopädin in Zusammenarbeit mit Ärzten veranlasst werden. Ohne eine spezielle Förderung holen diese Kinder in der Regel den Sprachentwicklungsrückstand nicht auf.

 

Lesen Sie mehr dazu, wie Sie die Sprachentwicklung Ihres Kindes fördern können.

Foto: shutterstock/pio3

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